In der Sackgasse

Ich weiß nicht, wie es für Eintracht Frankfurt besser wird, wie es besser geht. Meine Trainererfahrung beschränkt sich auf das Coaching einer B-Jugend sowie das einer Kreisliga-Seniorenmannschaft. Nur eine einzige Sache würde ich mir anmaßen zu behaupten, die in Ligen ganz unten exakt gleich zu beherzigen ist, wie in den Ligen ganz oben: Ein Kader gibt nicht überall die gleiche Spielanlage her, weshalb man ein Team so auf- und einstellen muss, dass die Stärken bestmöglich zum Vorschein treten.

Bei Eintracht Frankfurt ist man zu dem Schluss gekommen, dass das Offensivspiel diese Stärke sei. In dieser Logik verpflichtete der Klub im Winter die neuen Spieler. Akteure, die mit Ausnahme des a) Defensiv- und b) Zufallsneuzugangs (Kaan Ayhan/Änis Ben-Hatira) Stammspieler sind. Nur: Eintracht Frankfurt spielt nicht offensiv, schon gar nicht strukturiert, erst recht nicht gut. Das einzige Element, das darauf hindeutet, dass man prinzipiell offensiv zu spielen gedenkt, ist, dass man auf Ballbesitz aus ist – besser: auf das Behalten des Balls in den eigenen Reihen. Das äußert sich in Quer- und Rückpässen, die logischer- und sichtbarerweise keinen bis kaum Raumgewinn ergeben. Diesen gibt es fast ausschließlich über lange Bälle, die in der Hoffnung auf Alexander Meiers Kopf gedroschen werden, dass der Abpraller schon zu irgendeinem SGE’ler flippert. Im Prinzip ist das, was Eintracht Frankfurt da tut, lediglich eines: Das Team spielt nicht defensiv. Es steht also nicht tief. Da es jedoch auch nicht hoch steht, hat es quasi gar keine bevorzugte Systemik, es macht praktisch nichts. Es ist eine Zwitterspielweise, die inhärent unentschlossen in beide Richtungen ist. Das kann – zumal gepaart mit mentaler Verunsicherung – nicht funktionieren, nicht bei der SGE, noch irgendwo anders.
Beachtlich: Sowohl der Trainer als auch die Analysten der „Frankfurter Rundschau“ bezeichnen die (angeblich) offensivere Ausrichtung nach dem Kölner Führungstreffer als mit-entscheidenden Fehler der Partie. Bis auf eine Mannschaft, die in der Tat höher stand, sah ich jedenfalls nichts von dem, was eine offensivere Ausrichtung auszeichnet. Heißt: es gab wie zuvor schon kein Kombinationsspiel. Was es gab, waren Ballverluste. Und die sind nunmal per se fataler, wenn das Kollektiv 10 Meter weiter vorne statt hinten steht. Doch werden bei so einer Conclusio wieder mal Ursache und Wirkung verdreht: Das Problem ist doch nicht gewesen, dass die Spieler höher standen. Das Problem ist, dass trotz des Höherstehens kein Druckaufbau, keine Hoheit über das Spiel, keine Torchance zustande kam.

Das Todesurteil für diesen Klub, das auf einer ganzen Menge Funktionärs-Fehlurteile fußt, sind genau solche Dinge, solche inhaltlichen Fehleinschätzungen. Bei Eintracht Frankfurt erkannte man die Wurzel allen Übels nicht, man erkennt sie auch weiterhin nicht – angesichts des geschlossenen Wechselfensters wird das auch nicht mehr zu ändern sein. Der entscheidende (Schwach-)Punkt ist: Die Spieler sind durch die Bank weg zu langsam, ob nun körperlich (Antritt/Sprint) oder gedanklich (Handlungsschnelligkeit/Antizipation). Kein Spieler, mit Ausnahme von Marco Fabian ist in der Lage, sich in Zweikämpfen zu lösen, mit wenigen schnellen Pässen gegen pressende Gegenspieler in die Lücken vorzustoßen, die zwangsläufig irgendwo auf dem Feld vorhanden sind.
Man hat als Beobachter das Gefühl, die SGE befinde sich in einer pemanenten numerischen Unterzahl – egal ob vorne oder hinten. Bei allen Gegnern sehen die Spielzüge, und seien sie auch noch so unergiebig, schneller, zügiger ausgeführt aus. Das alles nicht erst seit dem Spiel in Köln, nicht erst seit Stuttgart. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison, sogar saisonübergreifend.

Die meisten Gelben Karten aller Bundesligisten, die meisten Gegentore, außer Alexander Meier keine Torschützen, nicht mal Torgefahr: Anstatt diese doch sehr sicht- und greifbaren Probleme – die alle mit dem Thema Tempo zusammenhängen – zu benennen, zu erkennen, zu handeln (was wie gesagt letztmals in der Winterpause verstrich), wird im konkreten Fall der Pleite in Köln auf die „mangelnde Kompaktheit“ (Heribert Bruchhagen) und die unbestreitbar katastrophale Schiedsrichterleistung (Trainer, Spieler) abgestellt. Dabei sind weder Kompaktheit noch etwaige Benachteiligungen der Grund für das, was in und mit Frankfurt passiert. It’s the tempo, stupid!

Eine kollektive Willensfrage ist das alles, wie schon die gesamte Saison hindurch, jedenfalls nicht. Dahingehend erreicht der Trainer das Team ziemlich zweifellos. Die Spieler wollen – nur haben sie keine Ahnung, was sie mit dem Ball machen sollen, wenn er in ihrer Nähe ist. Das hingegen ist ein klarer trainerischer Mangel. Das Resultat ist die Existenz dessen, was die „Frankfurter Rundschau“ in ihrer Satire-Kolumne mit „The Walking Dead“ betitelt.

Die Nach-Hinrunden-Festlegung auf eine Offensivausrichtung, die a) nicht dementsprechend ausgerichtet ist und b) eklatante Mängel in Grundlagen wie Tempo und Technik besitzt, hat den Klub in eine Sackgasse befördert, in der er nun gefangen ist. Das wird die Konsequenz des Bundesligaabstiegs haben. Die Defizite, die man nicht behoben hat, sind nicht aufzuolen – weder von Trainer Armin Veh noch von einem wie auch immer heißenden möglichen Nachfolger.

Es bleibt, neben der letzten Patrone Trainerwechsel, nur die Besinnung auf die Defensive. Mindestens auswärts, zumindest gegen alle Nicht-Direktkonkurrenten. Die Spielweise also in genau die Richtung ändern, die der Mannschaft nach eintrachtinterner Einschätzung nicht liegt, die sie nicht beherrscht. Wichtiger: Für die sie im Kern-Mannschaftsteil weder quantiativ noch qualitativ genügend Spieler besitzt. Wir reden vom defensiven Mittelfeld, aus dem Marc Stendera weichen muss. Doch für wen? Slobodan Medojevic? Aleksandr Ignjovski? Wir reden von der Linksverteidigerposition, wo Bastian Oczipka – der nun sowieso gelbgesperrt ist – durch den defensiv gnadenloseren Constant Djakpa ersetzt werden muss. David Abraham und Carlos Zambrano müssen als Stamm-Innenverteidigung von ihren Vorderleuten – über Ballgewinne, Druckmininierung und Zweikampfstärke – vom Kartensammeln und somit immer-wieder-pausieren abgehalten werden. Einen stabilen, sehr guten Torhüter für diese Spielweisen-Umkehr hat man. Das ganze Team muss sich indes tiefer auf dem Feld positionieren, was Alexander Meier auf der Zehnerposition, Marco Fabian entweder als (einzigen) Konterstürmer in vorderster Front oder – sollte man Lustlos-Schweizer Haris Seferovic nun zwangs-begnadigen wollen – als Linksaußen anstelle von Szaboltcs Huszti erfordert. Und was macht man mit Stefan Aigner und seinem defensiveren Partner auf der toten rechten Seite, Yani Regäsel? Tja, mitschleifen, es bleibt ja personell nichts anderes übrig; zumal Aigner, dem anno 2015/2016 so gar nichts gelingt, wenigstens (auch defensiv) ackern kann.
Klares Defensivkonzept heißt jedenfalls, trainerunabhängig, die letzte Hoffnung für Eintracht Frankfurt. Im 4-1-4-1 wie in der ersten Halbzeit gegen Köln, was wenigstens defensiv halbwegs funktionierte oder 4-2-3-1, das irgendwann mal offensiv funktionierte. Irgendwas davon, oder ein Apostel haucht dem Offensivenplan diese zwei, drei Prisen Tempo, Technik, Kombinationsspiel, Bedingungslosigkeit und Wagemut ein, die es für ein Spiel nach vorne schlicht braucht und woran es – nach kurzem Aufblitzen im zweiten Abschnitt gegen Wolfsburg und ab der 15. Minute gegen Augsburg – komplett fehlt. Gegen den Hamburger SV, vor heimischem Publikum, hat diese Mannschaft dazu eine, nein, die letzte Chance. Die letzte Gelegenheit, um a) dem Selbstanspruch eines spielenden Fußballteams zu sein und b) im Klassenerhaltskampf ein Mü Momentum zu behalten; von Punkten ganz zu schweigen.

Der Resetknopf, das kann man bereits bilanzieren, wurde zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 gedrückt. Nur war es der Resetknopf am falschen Schaltpult. Plan A ist jedenfalls gescheitert. Es würde bei diesem Verein wundern, wenn es einen Plan B gibt. Aber wie ja oben skizziert: es kann ihn gar nicht geben.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “In der Sackgasse

  1. Marc

    Besser hätte ich das nicht sagen können, schade das, dass nicht von den Verantwortlichen so erkannt wird. Traurig, Eintracht Frankfurt geht unter.

  2. Matthias Hübner

    sehr treffend! und umso erstaunlicher, dass diese punkte (die schon während der hinrunde 1:1 so auftraten) nicht zumindest im winter korrigiert wurden

  3. Helmut Sonneberg

    eine meinung die den Nagel zu 1000 % richtig ist Großen Dank dafür.

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