Der Totengräber

In seiner ersten Saison als starker Mann in der Funktionärsriege von Eintracht Frankfurt, führt(e) Bruno Hübner die Mannschaft, den Klub in den Tabellenkeller. Der Sportdirektor hat, beginnend mit der Rückholaktion des trotz aller Verdienste angeschlagenen Trainers Armin Veh, im Sommer und im Winter eine Mannschaft beisammengelassen, ergänzt, insgesamt zusammengestellt, die den minimalsten Zielformulierungen nicht gerecht wird. Er hat ein spielerisch wie mental ungenügendes Team unter Vertrag genommen – zum höchsten Etatpreis, den die SGE in ihrer Geschichte zahlt(e). Die Messlatte für das ohnehin schon notorisch vorhandene Underperforming ist durch das Wirken Bruno Hübners nochmal gesenkt worden.

Intern haben sich die Machtverhältnisse faktisch mit dem Aufsichtsratsvorsitz von Wolfgang Steubing verändert. Seitdem ist Hübner in der Entscheidungs- und Gestaltungskette nach vorn gerückt. Der Sportdirektor hat vermehrt das Sagen, spätestens seit dem lange schwelenden Zwist zwischen Team und (Ex-)Trainer Thomas Schaaf in der Vorsaison, rückte man intern die Hierachie weiter in Richtung Hübner, in Abgrenzung zu Bruchhagen. Immerhin gilt Schaafs Verpflichtung, die ebenso krachend scheiterte wie sie ihm nicht zu Unrecht übel genommen wurde, als Bruchhagen-Schöpfung (die nötig wurde, weil Hübner über Monate nicht in der Lage war, einen anderen Trainer zu verpflichten). Seit Sommer 2015 ist der ehemals starke Mann, Heribert Bruchhagen, faktisch entmachtet, wird auf seinem letzten Funktionärs-Weg mehr mitgenommen als mitgestalten lassen, als lahme, als verdiente Ente. Ein Akt der Gesichtswahrung.

Hübners Treiben gipfelte nun in der Verpflichtungs-Orgie im Winter, wo, wie man nun sieht, quantitativ eingekauft wurde. Aber eben Leute für eine im Praxistest umgehend gescheiterte Spielidee. Nun fehlt für die Umsetzung der diametral gegenüberliegenden Spielweise das (fähige) Personal. „Mexiko statt Madlung“ ist der offenkundig falsche Entschluss gewesen. Und sollte die Analyse bzw. die Anschuldigungen des Magazins „Fan geht vor“ stimmen, zeichnet das ein Bild des Sportdirektors, das nur in dessen Rauswurf münden kann.

Welche Bilanz, welche Erfolg hat der Sportdirektor eigentlich vorzuweisen? In der Darstellung wird seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt, dass er – der Architekt, der Fleißarbeiter, der Umtriebige, der Gestalter – mit wenig Geld auskommen müsse und dafür gute Arbeit, im Sinne von Vertragsverlängerungen und Neuzugängen, leiste. In Bezug auf die Vertragsverlängerungen mag das stimmen, wobei man grundsätzlich hinterfragen sollte, ob eine solche immer sinnvoll war/ist. In Bezug auf Carlos Zambrano und zumal Haris Seferovic ist das angesichts der kolportierten Angebotssummen, vor allem aber den (schwer, wenn überhaupt belegbaren) Anschuldigungen aus der Gerüchteküche, ziemlich klar zu verneinen. Millionen einnehmen statt Millionen ausgeben – wenigstens bei der Schweizer Schrotflinte wäre das ebenso möglich wie nötig gewesen. Abgesehen davon, hier eine schon vor zwei Jahren und seitdem nicht mehr aktualisierte Analyse der Transfertätigkeit des Bruno Hübner.

Hübner, an dem jahrelang jede öffentliche Kritik vorbeiging, hat mit seiner Schönrednerei das Grab geschaufelt, in das sich Eintracht Frankfurt seelenruhig hineinlegt. Hübner, wie auch die anderen Funktionäre erkennen sehr wohl den Ernst der tabellarischen Lage. Nur erkennt der Sportdirektor nicht die sportlichen Gründe für die Situation. Dahingehend waren seine Aussagen im DSF-Doppelpass am Sonntagmittag lehrreich, im selben Maße verstörend, viele Blindheits-Thesen bestätigend und im Sonnenschein-Duktus verhaftend. Neben einem erwartbaren Treueschwur zu Armin Veh, was erfahrungsgemäß wenigstens der Anfang von Schwung aufnehmenden Trainerdiskussionen ist, setzte Hübner – der von Dampfplauderer Thomas Berthold gebührend kritisch angegangen wurde – bezogen auf den sportlichen Niedergang wieder mal Legenden in die Welt. Verletzungsprobleme seien ein Hauptgrund für all das Übel, vor allem die Ausfälle von Stammspielern. Natürlich. Luc Castaignos, Bamba Anderson, Sonny Kittel, Stefan Reinartz und Johannes Flum sind die Namen der Verletzten. Das sind an der Zahl vielleicht … ein Stammspieler?!. Zum Vergleich: Mönchengladbach und Mainz haben derzeit vier bzw. fünf Verletzte. Die sind aber trotz dieser untragbaren Last nicht nur konkurrenzfähig, sondern erfolgreich.
Zweiter Grund: die Erwartungshaltung. Diese unglaublich hohe, die Spieler geradezu erdrückende Last, dass man als Fußballfan im Stadion wie am Fernseher Fußball zu sehen verlangt. Unglaublich dreist eigentlich, oder? Dass man das gar noch mit dem sportlichen Minimalstziel eines Klassenerhalts verbindet – vom teuersten, von Hübner zu verantwortenden SGE-Kader aller Zeiten – lässt die Erwartungen tatsächlich ins Uferlose treiben. Die letzten Zeilen waren Sarkasmus, nur für den Fall der Fälle.
Kein Problem sind laut Hübner indes Tempo und Handlungsgeschwindigkeit der Spieler (was Trainer Armin Veh übrigens bereits vor kurzem durchaus als Problem erkannte und ansprach).

Hübner wäre auch nicht entscheidungsstark genug für eine (zügig nötige) Trainerentlassung. Nimmt Armin Veh ihm die (ebenfalls nur gesichtswahrende) Entscheidung nicht ab, geht es sportlich wie tabellarisch ebenso paralysiert weiter bergab wie seit Monaten. Endhaltestelle zweite Bundesliga. Bitte alle aussteigen.

Wer hätte gedacht, dass der eigentlich schon zwei, drei Jahre überfällige Abtritt von Heribert Bruchhagen mittlerweile zur Horrorvision wird? Ganz offensichtlich ist es ja so, dass seine Nebenleute, die den Kurs bereits jetzt bestimmen und künftig das ebenso inkompetent wie verstärkt tun werden, das Orchester der Oberblinden sind. Ein leutseliger und mit diktatorischem Wahlergebnis berufener Vereinsmeier (Peter Fischer) mit seinem ebenso vereinsmeierigen Illusionisten-Adjutanten (Axel Hellmann), einem Menschen, der mehr Fan als nüchterner Entscheider zu sein scheint als Aufsichtsratschef (Wolfgang Steubing) und eben dem optimistischen Totengräber (Bruno Hübner). Und diese Gang wählt dann dieser Tage den Bruchhagen-Nachfolger aus. [Sarkasmus an] Einen ganz starken, einflußreichen Macher. Einen Kenner des Sports so wie seiner Geschäftsstrukturen. Einer, der den satuierten Stall ausmistet und die ganzen gerade genannten Pappnasen rasiert. Horst Heldt. [Sarkasmus aus].

Selbst wenn die alle nach einem Abstieg freiwillig ausstiegen – eine Utopie! – müsste ja zumindest ein Funktionär bleiben um wiederum andere, hoffentlich Fähigere anzuheuern. Welchem der oben Genannten, die ja durch die Bank weg für Komfortzone, Klima und Klüngel verantwortlich sind, würde man das denn überhaupt zutrauen? Abgesehen vom Fakt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, haben die Eintracht-Oberen doch ganz offensichtlich alle keinen Schimmer von dem Geschäft bzw. – und das ist viel dramatischer – von dem Sport. Die können gar nicht einordnen, was da auf dem Feld passiert. Das potemkinsche Dorf stürzt ein, und außer hilflos dabei zuzusehen, können sie nichts tun.

Das Problem von Eintracht Frankfurt lässt sich (nur) mit einem zutiefst abgedroschenen Satz beschreiben. Es ist eine Phrase, wie man sie gleich auf den Grabstein des Klubs eingravieren könnte: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“

Armin Vehs Tage sind sowieso gezählt, ebenso die von Bruchhagen. Nur Totengräber Hübner darf und wird in seinem Königreich der Klauseln optimistisch weiter-schönreden.
Eintracht Frankfurt steht rund ein Vierteljahrhundert nach der Abdankung der Horror-Klubführung (Ohms, Hölzenbein etc.) vor der Re-Inkarnation eines Gruselkabinetts.

Am nächsten Spieltag hat die SGE das erste 19.30-Uhr-Sonntagsspiel der Bundesligageschichte. Bei Abpfiff ist es fast Montag. Auf dass das mal keine Symbolik ist.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Der Totengräber

  1. F.N .

    Wir dürfen fleißig bezahlen, wenn es ans Fussballschauen geht, nur Leistung dürfen wir nicht fordern, weder von den Spielern ( der Druck ist dann zu hoch), noch von Trainern und Funktionären . Also bleiben wir Zuhause, die kalkulierten Einnahmen aus Ticketverkäufen werden nicht erreicht, der Etat muss daraufhin reduziert werden, die Konkurrenzfähigkeit IST nicht mehr gegeben, der Abstieg ist die Folge und wer ist Schuld: wir , die Nörgler, die Bundestrainer in spe, die Ahnungslosen.
    Also versuchen wir es ganz ohne Emotionen: danke Eintracht Frankfurt, dass wir am Freitagabend Fussballschauen durften und danke, dass wir es auch bald am Montagabend dürfen.

  2. Frank

    Sportseite der Lokalzeitung von heute. Christian Heidel (im Zuge seines Wechsels zu Schalke): „Mit dem Wörtchen Konzept bin ich vorsichtig. Wichtig ist, dass der Klub ein Konzept hat und der Manager dazu passt.“

    Eine Seite weiter. Wolfgang Steubing: „Wir sind in den Gremien ganz cool. Wir haben uns versprochen, nicht in Panik zu verfallen.“

    Eigentlich mag ich den Heidel nicht, aber er versteht eindeutig sein Handwerk. Was passiert eigentlich, wenn einer von diesem Kaliber als neuer Sportvorstand oder Vorstandsvorsitzender oder wasweißich ins Auge gefasst wird, beim Aufsichtsrat mal vorsprechen darf und dann die Frage stellt: „Wir reden hier von einem Vierjahresvertrag. Was ist denn Eure Idee? Was will Eintracht Frankfurt in den nächsten vier Jahren erreichen? Mit welchen Mitteln? In welchem Rahmen?“

    Oder doch lieber einen, der nicht lange fragt, unterschreibt und froh ist, dass er wieder mitspielen darf. Fredi Bobic oder so.

    Und dann ist es auch ein schmaler Grat zwischen „Ich-bleibe-ruhig-und-weiß-was-ich-tue“ und bräsigem Hoffen darauf, dass man sich irgendwie noch durchwurschtelt.

  3. Unter Ohms und Hölzenbein war es wenigstens lustig. Abgestiegen ist man halt auch irgendwann, aber das passiert unter Herri ja auch ständig. 😉

    Bruno im Doppelpass war wirklich schwer erträglich. Ich konnte es nur im Hintergrund laufen lassen, aber das tat ja wirklich weh, was der da von sich gegeben hat. Eigentlich nur relativiert, beschönigt und zu erklären versucht. Immerhin über den Junior beim FCI konnte er noch nette Dinge sagen.

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