Folgenschwere Fehlerkette

Tatsächlich ist nach der neuersten Peinlichkeit bei Eintracht Frankfurt nichts passiert. Armin Veh ist weiterhin Trainer und die Litanei der Erklärungen erschöpft sich im Fall des Auswärtsgewürges in Berlin in einem Mix aus Schiedsrichter-Schelte und der Feststellung, dass man ja eigentlich okay gespielt habe. Alleine diese doch sehr eigenwillige Einschätzung sollten ein Abmahnungsgrund sein. Es müsste in so einer Phase bei der SGE so laufen, wie einst zwischen Rainer Calmund und Thomas Hörster bei Leverkusen: Der Funktionär müsste den Trainer in einer Art und Weise in den Senkel stellen, dass dieser vor Schamesröte platzt. Oder ihn einfach entlassen.

Stattdessen macht man es sich in der Wagenburg bequem: Geheimtraining (seit Wochen ja ein Garant für den Aufwärtstrend) und Maulkorb für Spieler, also quasi Mediensperre. Man schweigt das Unausweichliche tot und schließt die Augen vor dem Offensichtlichen.

Eintracht Frankfurt steht vor dem größten Scherbenhaufen der Vereinsgeschichte. Während der erste Abstieg in den 1990ern eine Zäsur war, die alle strukturellen Folgeprobleme und so manchen folgenden Abstieg bis heute mit-verursacht hat, ist der – in meinen Augen feststehende – Abstieg 2016 ein wissentlich verschuldetes Resultat aus Fehlentscheidungen und Fehleinschätzungen des Frankfurter Funktionärstrosses.

Das begann mit der Suche eines Nachfolgers für Armin Veh vor zwei Jahren, als Sportdirektor nach monatelanger Trainersuche nicht in der Lage wer, irgendeinen Übungsleiter an den Main zu lotsen. In einem Akt der Verzweiflung und der Aura des Bruchhagenschen Konservatismus wurde dann mit Thomas Schaaf ein Trainer verpflichtet, der zwar der zu dem Zeitpunkt letztmögliche Kandidat, aber ebenso der zum Kader und Spielertypus unpassenste war. Der Rauten-Nostalgiker Schaaf folgte also auf den Flügelspiel-Liebhaber Veh – ein Schritt, der nur deshalb nicht in einer ähnlich prekären Situaiton endete wie ein Jahr später, weil a) der eigentlich schon gestutzte und vergrätzte Alexander Meier viele und die entscheidenden Tore geschossen hat und b) das Team sich zu zwei entscheidenden Siegesserien zusammenraufte. Es war, kurzum, ein Zwischensprint gepaart mit individueller Klasse, dass der Abstieg Eintracht Frankfurts nicht schon 2015 über die Bühne ging.

Der zweite, sich nun rächende Fehler: Man hätte den Saisonverlauf, die offensichtlich positionsbezogenen Probleme und die klimatischen Schwankungen im Kader vor Beginn der Saison 2015/2016 als Warnschuss verstehen und handeln können. Das taten sie nicht, die Bruchhagens, Hübners, Hellmanns, Fischers und Aufsichtsratsmenschen. Man schloss die Augen, atmete durch und setzte wie immer auf das Prinzip Hoffnung. Also wurde mit dem Ex Armin Veh ein Trainer, dem von Beginn an der Skeptizismus entgegenschlug, verpflichtet. Dass es bei der ersten sportlichen Krise bzw. einem nicht erkennbaren Aufschwung sofort rumoren würde, war jedem, der sich mit der SGE etwas intensiver beschäftigt, klar. Deshalb ist es sogar ziemlich erstaunlich, wie lange es in Frankfurt vergleichsweise ruhig war; bis zum Darmstadtdebakel war ja spielerisch und auch ergebnistechnisch vieles bereits den Bach runtergegangen.

Fehler Nummer 3 folgte in der Winterpause: Die Festlegung auf eine spielerische Befreiung aus dem Tabellenkeller, da das – hier ist der Irrglaube – die Stärke dieser Mannschaft sei. Dementsprechend kaufte die Eintracht ein, um den Konkurrenzkampf in den Mannschaftsteilen zu erhöhen, die über Monate nicht mehr in Gang kamen. Doch bis auf Marco Fabian, den Spieler, für den man in der Tat mal Geld ausgab, entpuppen sich alle Neuzugänge als Flopps, helfen jedenfalls in keinsterweise weiter. Selbst Yani Regäsel, der eine Halbzeit lang noch als Hilfe für die tote Rechtsverteidigerposition galt, hat sich zügig in das allgemeine Leistungsvermögen hineingerumpelt. Kurzum: Anstatt, wie schon im bis dato letzten Amtsjahr von Armin Veh, wo es auch mehr Abstiegskampf als Höhenflug war, auf eine Variante á la Alexander Madlung – sprich die Stabilisierung der lange ohnehin ganz guten Eintracht-Defensive – zu setzen, sollte es spielerisch nach oben gehen. Dieser Ansatz implodierte nach drei Rückrundenhalbzeiten.

Fehler Nummer 4 folgte nahtlos: Das Festhalten an Trainer Armin Veh. Spätestens mit Anschauen des Heimspiels gegen den Hamburger SV war klar, dass Vermeidungsfußball die letztmögliche Herangehensweise ist, die das Handwerk des Trainers hergibt. Hinten dicht, aber so gar kein Hauch von Idee, wie man dem Gegner irgendwann ein Tor in den Kasten bugsieren will. Womit klar war, klar ist, dass beim ersten Treffer für jeden x-beliebigen Gegner das Spiel zu ungunsten von Eintracht Frankfurt entschieden ist. Denn Frankfurter schießen ja nicht mal mehr aufs Tor, sie kommen gar nicht mehr in den Strafraum, Druck aufbauen erschöpft sich im Maximum von Ballbesitz; Ballbesitz als Selbstzweck. Das ist der status quo.
Und zu diesem gibt es eine Perspektive: Das Saisonrestprogramm, das vor allem Spitzenmannschaften als Gegner vorsieht. In einer Ausgangslage, da Frankfurt nicht mal gegen biedere, bestenfalls konzentrierte (Hamburg, Köln, Berlin), ja nicht mal gegen formschwach-änglische Mannschaften á la Schalke 04 konkurrenzfähig ist.

Fehler Nummer 5 wird am Samstag gefolgt sein, wenn Ingolstadt im Waldstadion gewonnen haben wird. Mit 0:1. Wobei ja selbst ein ergrauptes 0:0, gar ein 1:1-Festival vor der Megakulisse von maximal 30 000 anwesenden (!) Stadiongästen viel zu wenig für Frankfurt gewesen wäre. Hässliche Szenen wird Fehler Nummer 5 nach sich gezogen haben. Die englische Woche wird ruinös zu Ende gegangen, der Trainer zu spät entlassen worden sein und dem eilig herangekarrten Feuerwehrmann drei Partien fehlen, um den Klassenerhalt mit einer toten Truppe irgendwie noch zu schaffen.

Armin Veh, seine Trainerkarriere nicht nur in Frankfurt, ist sowieso erledigt. Wieso also diese folgenschwere Gesichtswahrung? Wie so oft liefert uns Goethe die Antwort: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Forza zweite Liga.

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11 Kommentare

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11 Antworten zu “Folgenschwere Fehlerkette

  1. Jermaine Jones Junior

    1:1 ist eigentlich zu wenig. Was meint ihr? Soll Veh bleiben?

  2. Herr Schnitzelmann

    Das ist echt pervers, man wünscht sich fast eine Niederlage, damit endlich der Trainer einsieht, hier nix mehr bewegen zu können. Denn sollte sich das Team wieder ein Punkt erduseln oder gar 3, dann bleibt alles beim Alten.
    Wenn nicht jetzt wann dann, Trainer wechseln und am besten gleich noch Manager und hoffen, dass dann der Verbleib in der Liga doch noch gesichert werden kann. Allein der Glaube fehlt mir.

  3. Oka

    In vielen Deiner Punkte liegt Wahres und ich bin mir sicher, dass einige davon ganz stark ausschlag gebend für die momentane Situation sind. Für mich ist zudem unverständlich wie die Mannschaft in dieser Situation nicht in den extra Sprint geht, dem Ball hinterherjagt, ihn sich ergrätscht und dann mit Gewalt nach vorne trägt. Die Spieler, vor allem im Mittelfeld schauen einfach nur zu und ergeben sich ihrem Schicksal. Wenn ich Trainer von dieser Loser Truppe wäre, würde es von mir Ansprachen geben, dass die Spieler von alleine Rennen aus Angst es gibt in der Halbzeit oder nach dem Spiel wieder so eine. Wenn nicht mit Motivation, dann mit anderen Mitteln. Ich zweifele die Führungsqualitäten des Armin Veh aus diesem Grund stark an.

  4. Olsen

    Björnkovic, so schauts aus.

    Die Verantwortlichen investierten in das Prinzip Hoffnung. Sie alle glaubten, des Nachts käme die Zahnfee und lege den Spielern ein Konzept unter das Kissen. Dann würde der Knoten Still und heimlich platzen und sämtliche Spieler aus dem monatelang anhaltenden Formtief erwachen. Inzwischen hat Veh sie alle in den Tiefschlaf gequatscht und wir suchen keinen Trainer mehr sondern einen Zauberer.

    Die Zeit ist um.

  5. F .N.

    Das Licht geht aus, wir bleiben Zuhaus, ranbimmel rabammel rabumm oder so ähnlich.
    Eintracht Frankfurt sollte als Marke weltweit etabliert werden. Bald kennt schon in Deutschland keine S. Mehr diesen Verein. Bruchhagen war für den Abstieg 2011 verantwortlich und dieses letzte Mal ist er es wieder gemeinsam mit Problem Bruno. Und das letzte Mal ist es nicht weil Herr Bruchhagen ausscheidet. , nein weil die Eintracht nicht mehr aufsteigen wird und mit vielen anderen Traditionsvereinen das Gerüst der 2. Liga bilden wird .Bitter SGE

  6. Ich oute mich als Veh Fan und ich fand es lange Zeit richtig, dass nicht sofort entlassen wurde. Allerdings sind die Leistungen so, dass ich immer mehr an den Skibbe/Daum Abstieg denken muss. Solange sie nicht wieder einen Daum holen, könnte es mit neuen Trainer und ein oder zwei Lucky Punches vielleicht reichen, dass das Selbstbewusstsein zurück kommt.

    Hübner sollte meiner Meinung nach sofort gehen. Er ist meiner Meinung nach die Wurzel allen Übels. Man sieht bei Clubs wie Mainz aber besonders bei Hannover und Köln was ein Manager ausmacht.

    • Jermaine Jones Junior

      Wer soll den bitteschön auf Hübner folgen? Nerlinger? Owei owei, als ich diese Aussage heute gelesen habe, „wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch, aber mein aktueller Job erfüllt mich mit mehr Leben“. Verlogener geht es nicht. Wieso sagt er nicht einfach: „Hey, ich suche ein Verein vom Kaliber FC Bayern, weil ich glaube sehr kompetent zu sein. Ich trau mich nicht die Herausforderung anzunehmen, möglicherweise einen Verein zurück in die 1. Liga zu befördern. Und selbst wenn dieser Verein erstklassig bleibt, wäre es mir zu anstrengend. Das, genau das zeichnet mich aus. Ich bin nunmal ein Angsthase.“

  7. Autoschieber

    Ich dachte immer hier wäre ein „Veh’aner“ am schreiben…
    Ich lese den Blog seit langer Zeit gerne (obwohl ich mich jede Woche wundere, wieviel man als so entäuschter schreiben kann) und bin froh das der größte aller Vehler endlich namentlich und nicht mehr länger als Vermutung und in Umschreibungen genannt wird.
    Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Tag am nächsten…
    Forza SGE

    • Danke für das treue Lesen,ich habe seit geraumer Zeit das Gefühl, dass ich Leute wie dich mit der Litanei des Ewigselben eigentlich langweilgen muss.
      Stimmt aber: Im Prinzip mag ich den Veh, ich erkenne als eigentlich Geburtsfehler dieses Vereins bekanntlich auch einen/zwei andere Gestalten, aber das sportliche Trauerspiel hat mit anhaltender Dauer der Trainer zu verantworten. Er ist davon nicht freizusprechen,schon gar nicht, wenn man die Spielweise, mehr noch: die totale Konzept- und Ideenlosigkeit sieht. Das alles ist Hoffnung gepaart mit letzter Patrone, was da auf dem Rasen abgeht. Seit Wochen, spätestens seit dem Hamburgspiel. Streng genommen ist das alles ja jetzt so, wenn nicht sogar toter, als vor und während der Peinlichkeit gegen Darmstadt.

      • Jermaine Jones Junior

        Der Armin Veh ist sogar zu dämlich ne leere Schublade aufzuräumen…

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