Das Paradoxum

Eintracht Frankfurt entlässt den Trainer, wissend um die sportliche Situation und die Entwicklung, die dazu geführt hat sowie den Terminkalender, wonach wenige Tage später ein weiteres Punktspiel ansteht. Einen Nachfolger, der auf das ebenso unausweichliche wie tendenziell überfällige Entscheidung folgt, hat(te) man in diesem Klub nicht in der Hinterhand. Es würde den interessierten Beobachter nicht mal wundern, wenn die SGE-Funktionäre sich tatsächlich erst nach Entlassung von Armin Veh mit möglichen personellen Alternativen auseinandergesetzt und diese in der Aufsichtsratssitzung am Montagabend präsentiert haben.
Oder aber es gab einen Vorschlag, der vom obersten Gremium diesmal nicht non chalant durchgewunken wurde, weil es der Sonnenscheinoptimist in Funktion eines Sportdirektors schee hessisch dahingebabbelt hat, so á la „Hiä, de Kosta werds mache, isch kenn de Bub …“

Wahrscheinlicher ist aber, muss es im Sinne von einem letzten Funken von Mindestmaß an Professionalität einfach sein, dass der neue Glücksritter einfach am Dienstag erst der Mannschaft und dann der bankenturmhohen Erwartungen anheimfallenden Öffentlichkeit vorgestellt wird.
Die Kandidatenliste ist – zumal nach der Bereinigung von vorwärts-ablehnden Gestalten wie Mirko Slomka – überschaubar. Das war sie vor dem Stillstandspiel gegen Ingolstadt, das ist sie auch heute noch. Umso erstaunlicher, dass Eintracht Frankfurt nicht in der Lage gewesen ist, schon am Montag den neuen Mann vor Ort und bereit für den Verwaltungsgang in die zweite Bundesliga gehabt hat.

Es ist ebenso erstaunlich wie beschämend, was Funktionäre wie Heribert Bruchhagen, Bruno Hübner und Peter Fischer aus diesem Klub gemacht haben: Ein mittlerweile selbst in der überschaubaren Rhein-Main-Region nur noch mitleidig angeschauter, schwerfälliger Frachter, der so viele Lecks hat, dass die Besatzung nicht mal mehr von Bord springen kann. Die gepriesenen Genussscheine will niemand kaufen, die Brust der Trikots niemand zieren, den Vorstandsvorsitz niemand übernehmen und die Mannschaft, einen Immer-mal-wieder-Erstligisten will niemand trainieren. Die A-Jugend, einer dieser laut Sportdirektor Hübner so gut ausgebildeten und die U23 überflüssig machenden Jahrgänge, strebt ebenso gen Abstieg wie die Profimannschaft. Tristesse ist geschönt – und von Zukunftsplanung muss, kann, darf keiner reden. Es geht, wie so oft, nur ums Überleben. Und diesmal stehen die Chancen so richtig schlecht. Übrigens auch für die Zukunft, Stichwort TV-Gelder für die 2. Liga, Planungsrückstand und und und.

Dass am Montag so viel Interesse daran bestand, wer diesen Klub nun in die zweite Liga verwaltet, hat mich indes überrascht. Der „Hessische Rundfunk“ hat nicht mal den Aufwand gescheut, Reporter – ganz arme Schweine – stundenlang vor die Türen der Aufsichtsratssitzung zu schicken. Und zwar für weniger als kein Ergebnis. Denn selbst die Verkündung eines Namens hätte die Mühe nicht im entferntesten gelohnt. Für was denn? Um 10 Sekunden schneller getickert zu haben als SID, DPA oder die das dann streuenden digialen Hetze- und Lügennetzwerke?

Dabei bleibt jedenfalls für mich die entscheidende Frage weiterhin unbeantwortet bzw. der Diskurs darüber fehlt mir völlig: Welche Spieler sollen es denn sein, die jetzt leistungsmäßig plötzlich explodieren? Und wie hoch wird eine solche Explosion Spieler der Güteklasse wie, sagen wir Medojevic, Ben-Hatira oder Ignjovski katapultieren?

Was soll ein Ruck bewirken, der durch eine Mannschaft gehen soll, die keinen Ruck, sondern sportliche Qualität braucht? Und zwar sowohl zu bis als auch ab dem kommenden Wochenende. Ein am Montag erschienenes Interview mit einem Sportpsychologen, jedenfalls die zweite Frage/Antwort ist dabei sehr interessant – und meines Erachtens in ihrem Umkehrschluss für Eintracht Frankfurt, für diese Mannschaft verhängnisvoll.

Die Entscheidung vor der Saison für Armin Veh war eine folgenschwere Fehlentscheidung. So paradox es klingt, ist die jetzt gefallende Entscheidung gegen Armin Veh eine ebenso folgenschwere Fehlentscheidung. Minus und minus werden in dieser Situation nicht plus ergeben. Dass es zwischen Mannschaft und Trainer (sichtbar) gestimmt hat, jedenfalls atmosphärisch, war der letzte Trumpf für dieses Team. Der ist ausgespielt, weil der Klub angesichts der Entwicklung einen Tod sterben musste. Statt Treue soll es mit Technokratie zum Klassenerhalt reichen.

Der neue Trainer wird auf jeden Fall erstmal die Spieler, die Mannschaft kennenlernen, dann hinter sich bringen müssen. Vertrauen, Gefolgschaft aufzubauen, das gelingt ihm nur über Erfolge, und hier reden wir von Siegen. Jedenfalls von einem aus Mönchengladbach entführten Punkt. Sonst kollabiert das Kollektiv. Wen also werden sie ab Dienstag auf die Kante der Rasierklinge setzen? Die Kovac-Brüder, als impulsgebende Innovation verkauft? Korkut aus dem Kicker-Sonderheft? Runjaic als Hübners Bubby? Keller als Strafpersonalie in Richtung Bruchhagen? Oder wieder mal ein Bruchhagen’sches und über 50-jähriges Kind der Bundesliga á la Jos Luhukay?

In wenigen Stunden werden wir unseren sportlichen Insolvenzverwalter, der dann selbstredend DER Wunschkandidat war und die volle Rückendeckung aller im Klub genießt, kennenlernen. Und wir werden uns darüber echauvieren und doch wieder Woche für Woche die Hoffnung nähren, dess es dieser Minderqualiäts-Mannschaft gelingt, den Abstieg irgendwie noch abzuwenden.

Advertisements

5 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

5 Antworten zu “Das Paradoxum

  1. Jermaine Jones Junior

    And the winner is: Niko Kovac!

  2. TK Idstein

    Niko und Robert Kovac neue Trainer bei der SGE… ja, ja

  3. sonny 84

    Mit Ihrer Meinung bin ich Total einverstanden.

  4. akloppi

    Die nächste Posse in der Possensammlung deutet sich an…

  5. Werner

    Bravo! Besser kann man’s nicht beschreiben!

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s