Das späte Ende der Improvisation

Fans von Eintracht Frankfurt hat man nach Siegen schon freudiger gesehen und gehört. Denn als der gnädige Schiedsrichter Wolfgang Stark nach 93 Minuten den Ball aufnahm statt Lukas Hradecky den Torabstoß ausführen zu lassen, zog nicht Jubel sondern Wind durch das Waldstadion. Ein Wind, der durch das Durchatmen von vielleicht 38 000 (aber keinesfalls 43 300) anwesenden Zuschauern verursacht wurde.
Viele Stadionbesucher äußerten sich auf dem Weg zu Parkplätzen, zu S-Bahn und Tram in Zwigesprächen ähnlich: Der Auftritt entzündet keinen Funken, es war nichts mehr als genau der Pflichtsieg, durchaus auch Arbeitssieg, der faktisch nötig war um – im Gegensatz zu Hannover 96 – im Klassenerhalts-Rennen zu bleiben. Die Mannschaft setzt das um, was unter Armin Veh das allerletzte Mittel war – defensive Grundordnung gepaart mit Einsatzwillen – und ergänzt das mit zarten Versuchen einer Offensividee – dem Konterspiel.

Unbestritten, Nico und Robert Kovac machen etwas. Gerade die Entscheidung für Personalwechsel, die Stärkung der durch Veh faktisch ausgemusterten Dauerreservisten, entpuppt sich als richtig. Constant Djakpa etwa spielt nicht schlechter als Dauer-Underperformer Bastian Oczipka, im Gegenteil, er tritt klarer, kompromissloser auf. Zu Lasten offensiver Aktionen, klar, aber es ist ja nicht so, dass Oczipka – entgegen der Legende – nach vorne viel oder gar viel sinnvolles bewirkt hat. Auch Timothy Chandler, der ziemlich überraschend in der Startelf stand, ist prinzipiell die richtige Wahl. Jedenfalls setzt Kovac auf Spezialisten, auf jene, die ihre Position spielen und spielen können: Also Schluss mit dem Verschiebebahnhof, auf dem vor allem der bemitleidenswerte Makoto Hasebe monatelang geparkt war. Das Ende der Improvisation, die eben nicht nur verletzungs- sondern auch sturheitsbedingt durchgezogen wurde. Ein Zentralgelernter wird auf Außen nie so gut klarkommen, wie ein Außengelernter. Das ist in der Kreisliga so, das ist in der Bundesliga so – nur Ausnahmekönner sind in der Lage, beides ähnlich gut und ohne großen Qualitätsverlust abzudecken. Deshalb: Russ in die IV, nicht ins DM. Chandler statt Hasebe auf RV, letzteren ins DM. Huszti nicht auf den Flügel, sondern – wenn überhaupt – ins Zentrum.

Wichtig ist, dass Kovac die Mannschaft erreicht und diese nun über den aufgezeigten Weg einen Sieg eingefahren hat. Das schafft Selbst- und auch Fremdvertrauen (in den Trainer). Die Mannschaft, die mit Armin Veh konnte und wollte, ist jedenfalls offenkundig nicht (mehr) vergrätzt.

Trotz allen sichtbaren Verbesserungen in Nuancen und Veränderungen im Personellen: Nicht wenige, die ab 20.18 Uhr in alle Himmelsrichtungen ausschwärmten, waren der Meinung, dass man am Samstagabend die beiden direkten Erstliga-Absteiger im Duell gesehen habe. Eine These, zu der ich persönlich ebenfalls tendiere. Da muss man gar nicht so weit gehen und sich die Konkurrenz, die gefestigter und zum regelmäßigeren Punkten in der Lage scheint (mir blieb bei der Augsburger Führung der Atem ebenso stehen wie beim Fast-Sieg Darmstadts).
Das im Vergleich zur Konkurrenz bisweilen deutlich schwierigere Restprogramm wird Eintracht Frankfurt das Genick brechen. Die liegengelassenen (drei) Punkte vor allem gegen Schalke und/oder noch mehr gegen Ingolstadt werden zwar nicht der Abstiegsgrund sein, sie werden jedoch am Ende die fehlenden, weil eben locker möglichen Zähler ausgemacht haben.
Am 9. April werden wir – jedenfalls bei einer etwaigen SGE-Niederlage gegen Hoppenheim – ziemlich sicher über die Wahrscheinlichkeit der Eintracht-Abstiegs-These haben.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Das späte Ende der Improvisation

  1. Der. Norddeutsche

    Moin,
    Der neueste Bericht der FNP (Warum die Eintracht nicht absteigt),
    ist lesenswert 😊.
    Besonders Augenmerk bitte auf die Statistik legen!
    Alles wird gut 😈

  2. Jermaine Jones Junior

    @ Björn: Neben deiner sachlichen und präzisen Analyse, weißt du da überhaupt, was du deinem, meinem, unserem Verein des Herzens überhaupt prophezeist? Das Spiel gegen die Bayern beginnt bei 0:0, Hoppenheim muss erstmal gegen den 1. FC Köln gewinnen und das nächste Endspiel in drei Wochen muss auch noch gespielt werden. Was ich aber grotesk und bizarr finde, ist der Beitrag der FR über „was aus den Absteigern von 2011“ geworden ist. Typisch FR, zum falschen Zeitpunkt unbeholfen und dick auftragen. Wieso nicht mal mit „Was aus den Helden von 1999 geworden ist“?

  3. F.N.

    Komisch, es wurde von den Offiziellen noch gar nicht die Schiedsrichterleistung kommentiert…
    Bei den Zwischenständen der Konkurrenz wurde mir auch ganz anders, aber letztendlich ist es doxh ganz gut für die SGE gelaufen. Es wird auf ein Endspiel um Platz 16 mit Darmstadt rauslaufen und mit viel Glück dann Relegation gegen den Club.
    Kaderplanung bis zuletzt nicht möglich und Horschti the Heldt bastelt uns dann aus 1Euro Sonderposten eine TooMannschaft für….. für was eigentlich? 2. Liga, denn bei allem Respekt, aber 1.Liga muss man sich nicht nur auf dem Platz verdienen sondern auch in der Führungsetage. Lasst uns froh und munter sein….

  4. Autoschieber

    Man kann eben 25 Spieltage und 2 Trainingslager nicht einfach wegwünschen. Nagelsmann hat es da in Hoffenheim einfacher. Er hat eine Mannschaft übernommen – Kovac muß sich seine erst wieder aufbauen.
    Aber wie schon gesagt – Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Tag am nächsten. Und so hört man dann auch in diesem Sommer noch die Worte „Willkommen bei der SGE – Willkommen zum ersten Spieltag der (1ten) Fussballbundesliga der Saison 16-17 im Waldstadion in Frankfurt“
    Forza SGE

  5. Olsen

    Ich bin erleichtert vom Stadion nach Hause gepilgert.Es mussten zwingend 3 Pkt her. Die haben wir geholt. Nicht weniger und nicht mehr ist am Samstag passiert.

    Ein spielerischer Leckerbissen konnte von Anfang an nicht erwartet werden. Aber wir haben wieder Dinge gezeigt, die bisher die gesamte Saison gefehlt haben. Einmal gabs sogar eine Kombination bestehend aus mindestens 4 Stationen. Da traute man seinen Augen kaum.

    Persönlicher Ausreißer nach oben:

    – Ben-Hatira: Technisch auf sehr hohem Niveau. Suchte im Grunde immer den Weg zum Tor. Löste Situationen sowohl technisch als auch kämpferisch versiert. Hoffentlich bleibts keine Eintagsfliege.

    – Russ: Hat wahrscheinlich jedes Kopfballduell gewonnen. Dazu ein passables Stellungsspiel. Sehr solide Vorstellung.

    Persönlicher Ausreißer nach unten:

    – Reinartz: Das war Kreisliga vom feinsten. Wann immer er in Ballnähe war, hat er das Ding mit geschlossenen Augen in den Raum gebolzt. Das war ja grauenvoll! Da waren nur ganz selten sinnvolle Aktionen zu erkennen.

    Ob das Spiel einen positiven Einfluss auf den Klassenerhalt hatte, wird sich zeigen müssen. Gegen die Bayern holen wir in der Verfassung so überhaupt gar nichts. Da besteht nicht der Funken Hoffnung auf einen Punkt. Allerdings kann ich mir jetzt wieder vorstellen, gegen die direkte Konkurrenz zu gewinnen. Und das ist doch schonmal ein Ansatz. Bis zum nächsten wichtigen 3er haben wir 3 Wochen Zeit!

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