Eine Reinigung wird ausbleiben

Vier Spiele, drei Punkte, ein Tor und sechs Gegentore: Das ist die Bilanz von Niko Kovac bei Eintracht Frankfurt. Zum Vergleich: In seinen letzten vier Partien als Trainer der SGE erreichte Armin Veh die gleiche Ausbeute, drei Punkte, 1 Tor und drei Gegentore – obgleich gegen auf dem Papier machbarere Gegner.

Kovac leidet unter dem „Nationaltrainerproblem“: Es sieht ganz danach aus, als könne er eine Mannschaft auf Strecke entwickeln. Die Trippelschritte in diese Richtung sind in den vergangenen Wochen zu sehen gewesen, was ihn für den Aufbau einer Frankfurter Zweitligamannschaft durchaus befähigen würde. Als Notretter, als Abstiegskampf-Trainer, als jemand, der sofort und mit zählbarem Erfolg funktionieren muss (siehe Hoppenheims Nagelsmann, Stuttgart-Coach Kramny, Berlins Dardei, gegen alle Vorzeichen sogar Labbadia beim HSV), ist er jedoch die falsche Wahl gewesen. Dazu folgt unten eine Konkretisierung.

Wie vor kurzem schon analysiert, erleidet Kovac wohl dasselbe Schicksal wie Christoph Daum vor fünf Jahren: bemüht, aber an der gestellten Aufgabe gescheitert. Mit dem Unterschied, dass Kovac im Gegensatz zu Daum eine atmosphärisch intakte, als Team funktionierende Mannschaft übernommen hat. Die mangelnde Zeit, die nun viele beklagen, kann nicht als Argument für den Kroaten dienen. Vorab: Daum übernahm 2011 vor dem 28. Spieltag, Kovac vor dem 26. Spieltag. Die sportliche Ausgangssituation ist es, die die Aufgabe für Kovac prekärer gestaltet als damals bei Daum, der die SGE auf dem 14. Platz mit 31 Punkten übernahm, während Kovac noch viel unmittelbarer im Abstiegsstrudel übernahm: 16. Platz mit 24 Punkten.
Natürlich ist Kovac ebenso wenig hauptverantwortlich für den Abstieg wie Daum seinerzeit. Und irgendwann sind eben auch die Möglichkeiten eines Trainers erschöpft, etwa dann, wenn die Qualität im Kader fehlt, wenn grundsätzliche Anforderungen (etwa Tempo) nicht erfüllt werden. Da scheitert Kovac, wie auch Veh und jeder andere Trainer gescheitert wäre. Daher ist Kovac weniger die „falsche Wahl“, als die er oben bezeichnet wurde, als dass ein Trainerwechsel als solcher hätte funktionieren können. Der Trainer war nicht das Problem, es sind die Mängel im Kader. Gepaart mit einer anhaltenden Formschwäche, die natürlich dem Trainer zum Vorwurf gemacht werden kann / muss. Die Veh-Entlassung ist trotzdem ein symbolhafter Akt gewesen, der mehr den Fliehkräften des Geschäfts geschuldet war als dass es Aussicht auf Verbesserungen der sportlichen Situation gab. Nötig war der Wechsel trotzdem. Dazu unten eine weitere Konkretisierung.

Die ersten Anzeichen für den Kampf um die Deutungshoheit um a) Zeugnis und Wirksamkeit der Kovac-Installation und b) Zeitpunkt der Veh-Entlassung haben indes bereits begonnen.
Fakt ist: Kovac hat die Laufbereitschaft sicht- und spürbar gesteigert, er hat die Wiederherstellung einer geordneten Defensive, die sein Vorgänger schon erfolgreich vorantrieb, ebenso erfolgreich fortgesetzt und die Zweikampfführung so gestaltet, dass die Foulspielflut vorüber ist. Er hat zudem über die Wiederbelebung des unter Veh verkümmerten Konkurrenzkampfs, über konkrete personelle Veränderungen (speziell Djakpa für Oczipka, Chandler für Hasebe, Hasebe ins defensive Zentrum und die Integration von Kittel ins Team) sowie eine grobe Stuktur um ein Umschaltspiel zu fördern, Verbesserungen im Spielablauf erreicht.

Diese sind, und das ist die ebenso sichtbare Kehrseite, angesichts der sportlichen Notsituation allerdings zu langsam gekommen und haben vor allem das in der gesamten Saison 2015/2016 größte Manko – das Offensivspiel – nicht beheben können.

Grundsätzlich ist das Aufbauspiel nach wie vor zu behäbig, es wird zwar nicht mehr in jenem gleichmütigen Einheitstrott gefahren wie zuletzt unter Veh oder im Langholz-Stil á la Schaaf, Bälle in die Spitze gibt es aber weiterhin kaum. 25 Meter vor des Gegners Tor ist für die SGE Schluss, sie kreiert kaum Torschussmöglichkeiten, in den Strafraum dringt die Eintracht so gut wie nie ein, weder über die Flügel noch durch die Zentrale. Insgesamt, das steht oben geschrieben, hat die SGE zwei Tore in den vergangenen acht Spielen erzielt. Und das liegt eben nicht an einer mangelnden Chancenverwertung, wie Kovac sie im Nachgang zur Heimniederlage gegen Hoppenheim erkannt haben will. Denn während es gegen Hannover 96, dem tatsächlich einzig noch schwächeren Bundesligateam, noch einige ausgelassene Torchancen und Offensivaktionen gab, war das gegen die TSG schon weitaus weniger zwingend.
Diesem Team aus Frankfurt fehlt schlicht die Qualität, vor allem das Tempo im Spielaufbau und der Kombinationsgeschwindigkeit in des Gegners Hälfte. Die SGE steht genau da, wo sie stehen muss. Mit Alexander Meier ist tabellarisch alles zwischen Rang 6 und 18 drin, ohne ihn gehts um die Spannweite 15 bis 18. Die Kaderplaner haben versagt. Da ist an erster Stelle Sportdirektor Bruno Hübner zu nennen, so sehr Veh – der aber nicht nochmal entlassen werden kann – auch Verantwortug dafür trägt. Hübners Transferbilanz ist eine erschreckende, und da ist die Verkaufsverweigerung Schrotflinten-Seferovics (angebliches 10-Mio-Angebot) noch nicht mal einkalkuliert.

Bemerkenswert, mit welcher Gelassenheit man den Abstieg dieses Klubs hinnehmen kann. Da deckt sich die Reaktion der Masse im Stadion mit meiner eigenen. Dieser Absturz, der überregional aufgrund der Unsexyness der SGE übrigens nicht mal Beachtung findet, hat sich angekündigt, wie schon 2011. Und doch ist dieser Abstieg sogar noch länger sichtbar und fühlbar gewesen.
Und der ehemalige Trainer, wenigstens das möge man ihm zugute halten, hat das im Herbst 2015 früh erkannt, als die spielerische Tristesse schon eine Weile sichtbar war. Der Satz, dass es nur noch gelte, drei Teams hinter sich zu lassen, wurde damals von vielen nicht so ernst genommen. So offensichtlich es ist, dass der Gefahren-Erkenner die Erkenntnis nicht für ein Gegensteuern nutzen konnte, so offensichtlich ist das Versagen der Klubführung im Winter. Die Neuzugänge, fünf an der Zahl, sind samt und sonders gescheitert. Sie sind entweder – im besten Fall – qualitative Mitschwimmer oder – im Normalfall – keine Faktoren. Mit Regäsel und dem 3,5-Millionen-Transfer Marco Fabian sind die spielstarken Lösungen, die sinnbildlich für den gewählten Anti-Abstiegskurs sein sollten, mittlerweile komplett außen vor.

Die Frankfurter Funktionäre sind vom tempofixierten Fußball überholt worden, was sich in der Verpflichtung von Trainern der alten Generation symbolhaft wiederspiegelt. Dass Schaaf und Veh absteigen, ist kein Zufall, für beide zeichnete sich dieser Weg ab. Vehs Liebesaufwärmung 1.0 in Stuttgart, Schaafs Steinzeit-Fußball bei der Eintracht: In Frankfurt setzte man sich auf den abgeknickten Ast. Und selbst Feuerwehrmann (und wie gewohnt „Kind der Bundesliga“) Niko Kovac ist nun kein personeller Zaubertrick. Nicht, dass ein Zaubertrick ein Selbstzweck wäre, aber mal ganz frisch, frech und frei – á la Mainz oder Hoppenheim – auf eine gänzlich neue Generation zu setzen, könnte ja ein Ansatz sein. Erfahrung? Auch die ist kein Selbstzweck, die tradierte Raute kann auch ein 30-Jähriger ohne ein Bundesligaspiel im Lebenslauf ebenso erfolglos spielen lassen, wie Schaaf oder auch Veh in Teilen der Hinrunde. Ob man bei der SGE also statt der Verpflichtung von Kovac samt Vierteljahrsvertrag nicht gleich auf einen „Mann der Zukunft“ hätte setzen sollen, der faktisch sogleich den Zweitligakder hätte mitgestalten können, ist eine Frage, die nun auf der Hand liegt. Sollte man Alexander Schur, der nun auch Mitte 40 ist, dieses Zukunfts-Attribut verpassen? Sollte Kovac, dem eine Gestaltung durchaus zuzutrauen ist, nicht in Liga 2 mitgehen, wird es personell so kommen. Der verschämhte Verfügbare wird genommen und nicht zuletzt via social media dem Stadionpöbel als „Herzblut“-Visionär, als „einer von uns“ verkauft.

Alles Glaskugel. Gegenwart ist, dass der teuerste Kader der Vereinsgeschichte es schaffen wird – wenn nicht ein Wunderchen, beginnend in Leverkusen, geschieht – den längsten Abstieg der Bundesligageschichte noch zu toppen. In einem Zeitfenster von fünf Jahren wiederholt sich Geschichte und ordnet final auch die Tätigkeit, die Amtszeit des Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen ein: So viele Abstiege wie er, hat kein anderer Klubboss je (mit)zu verantworten gehabt. Nur Martin Bader vom FC Nürnberg hat zwischen 2003 und 2015 drei Abstiege zu verantworten – und schafft mit Hannover 96 derzeit seinen vierten. Immerhin: Mit Bader gewann Nürnberg einen echten Titel, den DFB-Pokal 2007.
Die Frage in Frankfurt ist, ob der Fahrstuhl ohne Bruchhagen – einen Mann, der seinen Zenit unbesritten seit mindestens zwei, drei Jahren überschritten hat – jetzt besser oder noch schlechter fährt, vielleicht sogar nur noch eineinhalb Richtungen kennt: stillstehen/abwärts.
Man sollte sich als Fan nicht nur angesichts der mannigfaltigen Problemlagen – kein Vorstandschef, kein Trainer, keine Mannschaft, kein Hauptsponsor, früher Saisonbeginn in Liga 2 – schleunigst von der Denke verabschieden, der Abstieg könne reinigend wirken. Diesem Trugschluss saßen die Eintracht-Anhänger ab dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte immer auf. Der Fisch stinkt vom Kopf her; und so viele Köpfe können bei der SGE gar nicht ausgetauscht werden, als dass die Fähigen die Oberhand gewönnen. Diesmal sind die Voraussetzungen für einen dauerhaften Verbleib im Unterhaus jedenfalls so gut wie nie zuvor, diesmal dürfte der Fahrstuhl steckenbleiben.

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10 Kommentare

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10 Antworten zu “Eine Reinigung wird ausbleiben

  1. du weißt schon

    was für Steinzeit-fussball a la Schaaf? Er wollte ein schnelles umschaltspiel installieren, was leider nicht möglich war, weil der Kader falsch zusammengestellt wurde. Ob die Aufstellung eine raute zeigt oder was anderes, ist völlig irrelevant.

    Zudem haben wir unter schaaf sehr viele Tore geschossen.

    Beim nächsten mal den schaum vorm Mund, der scheinbar bis zu den Augen reicht, wegwischen und erst dann Text tippen. Danke.

  2. Olsen

    Was noch gar nicht gesagt wurde: wir holen gegen Dortmund den 3er, den wir letztes We gebraucht hätten. Dortmund ist durch, da geht weder nach oben noch nach unten etwas. Ich sehe da 3 außerplanmäßige Punkte lächeln 😁

    • Pohl

      Ein Lächeln aus dem verlängerten Rücken des Gabuners.
      Der Auba möchte ja auch keine Tore mehr schießen.

      Der gönnt’s lieber dem Lewa….

  3. Pohl

    Die SGE als Stammadresse in der 2. Liga.

    Mit Darmstadt wird die Region – und Hessen – in der 1. Liga weiter vertreten sein.Sympathien, Fans und vor allen Dingen Mittel werden nach Darmstadt abwandern.Durch Darmstadt wir keine Lücke existieren, es wird kein Lamento geben, Hessen brauche einen Erstligisten.

    Der bwdeskman sprach es an, überregional findet der Abstieg der Eintracht gar nicht statt.Der Abstieg interessiert keinen, die Abstinenz der SGE wird dann auch keinen scheren.

    Niemand wird die Eintracht vermissen.

    • Ed Kul

      Wenn man sich anschaut, wie dieser Haufen unfähiger Dilettanten (aka Vereinsführung) die SGE über Jahre dorthin gebracht hat, wo sie heute steht, und man davon ausgeht, dass diese Personen (bis auf den Hauptverantwortlichen, der uns glücklicherweise am Saisonende verlässt) auch zukünftig die Geschicke dieses Vereins beeinflussen werden, steht in der Tat zu befürchten, dass die einstmals große Eintracht nach einem erneuten Abstieg vollends in der Bedeutungslosigkeit versinken wird.

  4. Ed Kul

    Mag sein, dass ich mich irre, aber an Wunder glaube ich nun mal nicht. Der Abstieg wird kommen. Und ja, der Fahrstuhl wird diesmal nicht so schnell wieder nach oben fahren. Stattdessen wird man schwer darauf achtgeben müssen, dass man über kurz oder lang nicht sogar im zweiten Untergeschoss landet.

    • Pohl

      Als Beispiele nenne ich da mal die einstigen Aushängeschilder des Ostfußballs, Dresden, Rostock, Cottbus.

      So eine Entwicklung traue ich auch der SGE zu.

      Wie wär’s denn damit? In 2 Jahren das glorreiche Finale von ’59 als
      reguläre Partie in der 3. Liga.

  5. Werner

    Dieser hausgemachte Abstieg (er kommt so sicher wie das Amen in der Kirche), tut noch nicht mal mehr weh! Zu offenkundig ist die Inkompetenz der Führungsriege! Hier möchte ich gerne Klaus Kinski zitieren: „Eine Bande von Idioten!“

  6. Jermaine Jones Junior

    Danke für den Beitrag. Wie immer habe ich ihn sehr gerne gelesen.

    An der Diskussion, wie die Zukunft der Eintracht aussehen könnte, beteilige ich mich dann erst, wenn der Abstieg wirklich feststeht.
    Nur soviel: Das Mainzer-Modell kann ich mir nicht vorstellen. Das liegt aber ganz bestimmt nicht daran, dass „wir“ eine Bankenstadt mit dem Charme einer Weltstadt sind und „die“ nur ein Provinzverein, sondern hängt damit zusammen, dass die Strukturen im und um den Verein einem revolutionären Paradigmenwechsel bedürfte. Dass solch ein Wandel eintritt, halte ich für sehr gering wahrscheinlich.

    • F.N.

      Und weil es diesen Paradigmenwechsel nicht geben wird, hat dieser Verein keine Zukunft. Was hilft der Versuch der Vermarktung im Nahen Osten , wenn im nahen Süden die Darmstädter mindestens eine Liga höher spielen und im nahen Westen der Karnevalsverein vormacht, wie man einen Verein kontinuierlich besser aufstellt und vermarktet.
      Hoffentlich pochen nicht alle Spieler auf Ihre auch in der 2. Liga gültigen Verträge.
      Alles muss erneuert werden, ansonsten gibt es bald das Derby mit dem OFC

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