Monatsarchiv: August 2016

Die versteckten Leistungsträger

Vermutlich ist es ein normaler menschlicher Makel, sich in der Nachbetrachtung von Fußballspielen auf Schlüsselszenen und prägnante Situationen zu konzentrieren. So erklärt sich etwa das „Beste Spieler“-Voting auf der Homepage der „Frankfurter Rundschau“ im Nachgang des Schalkespiels, wo Torhüter Lukas Hradecky – mit Abstand – zum besten Frankfurter gewählt wurde.
Grund: Seine Harakiri-Parade gegen Huntelaar, die die Führung und letztlich den Sieg sicherte. Die Szene ist jedem Fan, jedem Zuschauer im Kopf. Sie scheint auszureichen, um das 90-minütige Schaffen anderer auszustechen. Denn so wichtig Hradeckys Parade auch war, im Grunde genommen war er ein ganzes Spiel lang beschäftigungslos und konnte logischerweise gar nicht viel leisten. Er war das, also beschäftigungslos, weil es versteckte Leistungsträger gab und gibt. Jene Spieler, die so oft nicht erwähnt werden, oft, weil sie nichts Spektakuläres bieten.

Bei SGE-Sieg gegen Schalke ist einer dieser versteckten Leistungsträger Rechtsverteidiger Guillermo Varela gewesen. Mit klugem, weil vorausahnendem Stellungsspiel, die ihm Zweikämpfe und Passspiel erleichterten, machte er seine Seite defensiv dicht und schob das Offensivspiel an. Auf jenem Flügel also, der mit Vordermann Szabolts Huszti, nun kein Defensivkünstler oder Seitenrandsprinter, notbesetzt war.

Bei all dem Fokus auf dem nun sowieso von Jesus Vallejo abgelösten Michael Hector, fehlt mir noch der Blick eben auf Varela und auch auf den überraschend starken Bastian Oczipka. Der Linksverteidiger bot nämlich eine Leistung, die man so – aufgrund der Mixtur von Agilität und Anschubkraft – seit seinem ersten Vertragsjahr in Frankfurt nur noch ganz selten gesehen hat. Auch das offenbar im Verborgenen, was die Wahrnehmung vieler Betrachter angeht.

Verbesserungswürdig, jedenfalls im Spiel nach vorne, ist die Doppelsechs. Während Makoto Hasebe den gewohnt unaufgeregten, aber klaren, sicheren Spielstil zeigte, bliebt sein Nebenmann Omar Mascarell sehr unsichtbar. Im Defensivbereich ein Adel, jedoch für die Vorwärtsbewegung ein Tadel. Gegen Darmstadt, so dieses Duo denn bestehen bleibt, wird sich weisen ob zwei eher defensiv agierende Sechser der richtige Weg sind, oder ob nicht einer deutlich mehr Präsenz nach vorne entwickeln müsste. Gegen Schalke, die man sicher auch in Frankfurt nicht so schwach erwartete, war ein so defensiv denkendes Mittelfeldduo mit Sicherheit die richtige Wahl. Gegen Darmstadt, das kann ich mir gut vorstellen, könnte die Zusammenstellung im Zentrum anders aussehen.

Dass übrigens jetzt, nach einem mageren Spieltag, schon wieder eine dieser unsäglichen Länderspielpausen ist, nervt. Die EM war doch gerade erst, kann man diesen #diemannschaft-Blödsinn nicht wenigstens mal reformieren, so etwas wie einen sportlichen Wettbewerb daraus machen? San Marino, Aserbaidschan, Norwegen, Nordirland, Tschechien: Die Qualifikationsgruppe ist ja sowieso wieder so ein Larifari-Alibi-Ding, wie/wer kann sich so ein Zeug ernsthaft anschauen wollen?!

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Licht trotz Schalker Schatten

Eine Angewohnheit ist ebenso nerdig wie zeitraubend: Sich Spiele von Eintracht Frankfurt tags drauf nochmal anzuschauen. Einfach, um genauer hinzusehen, die Live-Emotion, die Unmittelbarkeiten der Momente ausblenden zu können. Das ermöglicht es, ein Spiel klarer zu sehen, nüchterner, es fallen die strukturellen Defizite, Mängel aber natürlich auch gute Aktionen auf.

Nun verfällt man leicht in das Muster „verliert die SGE, ist sie schlecht, gewinnt die SGE ist der Gegner schlecht“. Das ist natürlich quatsch. Zum Bundesligabeginn sah man eine Frankfurter Mannschaft, die eine Viertelstunde sehr zielstrebig, planvoll, druckvoll und in allen Mannschaftsteilen gut spielte. Noch (?) mit zu wenig kurzem, schnellen Kombinationsspiel, aber auf eine Art und Weise, die die Schwächen des Gegners an diesem Tag, in dieser Phase nahezu perfekt ausnutzte. Es war ein Auftritt, der nicht nur bewies, das Trainer und Team Wort halten was die Vermeidung einer weiteren Unterirdischkeit a la Magdeburgspiel angeht. Vielmehr schienen die Spieler ziemlich genau zu wissen, was sie da machen, wann sie und wie sie es tun. Das war nämlich nach der furiosen Anfangsviertelstunde, die nicht der Maßstab für die Spielbewertung sein sollte, in erster Linie abgezockt, abgeklärt, souverän. Wäre es dem Team gelungen mehr auf Kurzpässe zu setzen ab der 20.,25. Minute – die Partie wäre vermutlich nie mehr so ruckelig geworden wie im Laufe der 2. Halbzeit.

Nur gilt es bei der Betrachtung des Siegs gegen Schalke 04 trotzdem den Gegner genau anzuschauen. Denn Gelsenkirchen war sehr schlecht, kein Spieler wurde je zu einem Faktor, es gab praktisch keine Gegenwehr. Weder in Zweikämpfen noch Kombinationen – und hätte Eintracht-Wackelverteidiger Hector nicht gepatzt, wäre S04 vermutlich zu keiner Torchance in 90 Minuten gekommen. Nahm die SGE, speziell die unaufgeregte Doppelsechs Hasebe/Mascarell so gut aus dem Spiel? Ja. Und mein. Ein wesentlicher Grund für den matten Schalker Auftritt ist nämlich gewesen, dass Max Meyer spielte. Eben noch bei Olympia, nun quasi nahtlos in der Bundesliga – er sorgte dafür, dass Schalke quasi zu Zehnt spielte, auf der exponierten Position als Zentraloffensiver im Mittelfeld lies er das Spiel verwaisen. Auch Franco di Santo, einer der überschätztesten Offensiven der Liga, kam nicht vor.

Dennoch: Die Eintracht überraschte den Gegner mit diesem festen Zangengriff komplett. Speziell die Außenverteidiger Vatela und Oczipka nahmen via Stellungsspiel und Antizipation – passend zur herausgestellten Abgeklärtheit/Cleverness – die Schalker Außen aus dem Spiel. In Kombination mit dem matten Max Meyer im Zentrum, war das Schalkespiel dahin.

Alles in allem ist die SGE nur zu loben, da war viel mehr licht als schatten. Wenn nun noch Vallejo statt Hector in die Viererkette rutscht und kurze Pässe vermehrt beherrscht werden, darf man optimistisch sein, dem akuten Abstiegskampf fernzubleiben. In Darmstadt wird sich früh weisen, ob Frankfurt in einen Lauf kommen kann, ob schon im September ein Polster aufgebaut werden kann, das für eine ruhige Saison dienen kann. Ich bin zuversichtlich.

 

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Ein kurzer Wow-Effekt

Eintracht Frankfurt spielt Schalke 04 an die Wand, jedenfalls 15 Minuten lang. Danach schaltete die SGE auch hitzebedingt runter, es blieb vor allem in der ersten Halbzeit manierlich. Viele Spieler wissen zu gefallen, allen voran Alexander Meier (ganz schwacher Strafstoß, der den Sieg hätte klarmachen können) und Guillermo Varela (rundum gut, nur in der 91. Minute mit bösem Stellungsfehler) sowie, natürlich, Lukas Hradecky (Glanzparade gegen Huntelaar). Auch David Abraham schwang sich einmal mehr zum Turm auf, als es brenzliger für Frankfurt wurde. Und neben einem erstarkten Bastian Oczipka, überzeugt Timothy Chandler als Rollen(Konter)spieler.

Die SGE überzeugt zum Bundesligastart durch eine gute Staffelung in der Defensive, eine insgesamt gute Ordnung. Die Doppelsechs passt. Offensiv … dazu unten mehr. Erwartet bedenklich war nur der Auftritt von Karibik-Verteidiger Michael Hector. Zwei Pflichtspieke, zwei Platzverweise – und generell ziemlich unsicher. Er sollte kein ernsthafterer Ersatz für einen der Innenverteidiger sein, ihm mangelt es an manchem.

Die Spielweise ist geprägt von halbhohen Diagonal-Bällen über 10,15,20 Meter. Gesucht wird die Schnittstelle, in die Meier oder Branimir Hrgota laufen, um wiederum im Eins-gegen-Eins zu bestehen und auf die als Keil ins Zentrum ziehenden Außen abzulegen. Einiges erinnert auf den ersten Blick an Thomas Schaaf, aber mit umsichtiger, nicht so hoch stehender Abwehrkette. Vor allem aber zeugt die SGE allem Kurzpässe-Mangel zum trotz Anflüge von Variabilität, zumindest bis zum Einbruch des erst bärenstarken, dann blassen, dann einmal zündenden, dann platten Mijat Gacinovic.

Das Manko: Kurzpässe werden zu wenige gespielt. Trotzdem, gegen Schalke 04 gelang der SGE ein Sieg, der vielleicht angesichts eines 1. Spieltags gar nicht so überraschend ist, die Tatsache, dass er nie gefährdet war, ist aber sehr überraschend. Wow-Effekt eben – da wurde gerade noch rechtzeitig fußballerisch gearbeitet, der Trainer hat Wort gehalten. Gut so!

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Die Stimmen der Anderen

In den vergangenen zwei, drei Jahren hat sich gezeigt, dass die Einschätzung jener, die mit Eintracht Frankfurt eher abseitig zutun haben, die eine nüchterne Außenwahrnehmung auf die Mannschaft haben, mit ihrer Prognose, wie es sportlich für die SGE läuft, richtig lagen. Kurioserweise viel richtiger als jene, die nah dran sind – und fast logischerweise richtiger als die Fans, die stets zur Überschätzung des Kollektivs neigen. Offensichtlich redet man sich selbst im Verein die Mannschaft schön, jetzt, da man nach Tawatha und Vallejo mit Ante Rebicden dritten mittel- bis langfristig maladen Kicker verpflichtet hat und bereits auf der Suche auf der nächsten Wundertüte ist. Oder Sympath Marius Beister, das traue ich denen in Frankfurt eisenhart zu.

Was macht also mehr Sinn, als einen Blick nach Außen zu werfen, auf die Einschätzungen und Vorschauen quer durch die Bundesrepublik, was Eintracht Frankfurts Saisonabschneiden 2016/2017 angeht? Hier eine Zusammenstellung (die zwecks Babybetreuung leider viel schmaler ausfällt als in der Vergangenheit):

1. Skepsis beim „Tagesspiegel“

2. Nah dran statt weit weg und mit verhaltener Prognose: die „Frankfurter Rundschau“

2. „Unterirdisch verstärkt“ heißt es vom „Ran-Partner“

3. Mehr Spielerei: Prognose anhand der Vergangenheit sowie Heim&Auswärtsstärke

4. Noch eine Spielerei durch Simulation

5. Auch verdächtig nah am Tagesgeschehen, trotzdem verhalten optimistisch: die „FAZ“

6. Die Einschätzung der Sportredakteure der „Nordwestzeitung“: zwei hessische Absteiger

7. Mit ganz unten sieht auch Eurosport die SGE

8. Nochmal Mathematik, die die Adler im Abstiegssumpf sieht

Abseits der Profis: Die Jugend wird nicht besser …

Ohne mögliche Artikel-Verlinkung, aber basierend auf regem Austausch mit Berufskollegen, die für Verlage in Niedersachsen und Baden-Würtemberg arbeiten: Da registriert man mit Verwunderung die Ein- und Verkaufspolitik Hübners/Bobics/Kovacs und sieht die SGE mangels qualitativer Zukäufe in einer ähnlichen Rolle wie in der vergangenen Saison –> ein Irgendwie-Klassenerhalt, nur dass der diesmal sich von Saisonbeginn ankündigt und nur dann gelingen wird, wenn sich Darmstadt, Freiburg und Ingolstadt an die ihnen zugedachten Rollen als Absteiger halten.

Zum Abschluss dieses letzten Vor-Bundesligastart-Beitrags: Mitte August entdeckte ich in einem SGE-Blog diese Sätze eines Schreibers, die in großen Teilen meine Haltung widerspiegeln. Einziger Unterschied: Ich glaube schon, dass das nicht in die Hose geht, jedenfalls wird es zum Klassenerhalt reichen, zum Erhalt des Status Quo. Mehr nicht. Man wird also mit einer austauschbaren Truppe so ziemlich genau das erreichen, was man mit den anderen Truppen bisher auch erreicht hat – zum Preis der totalen Sterilisation der SGE. Hier nun der geklaute Beitrag besagten Schreibers:

Haben die Strategen eigentlich Frank Arnesens Notizbuch auf eBay geschossen? Wir sind der neue alte HSV.

Leihware von den Tribünen der Weltvereine. Noch vor dem eigentlichen Karrierebeginn überschätzte Kicker, die eingeimpft bekommen haben, daß sie Die Größten sind, sonst hätten doch CL-Abonnenten nicht mit Geld nach ihnen geworfen und ihnen langfristige Verträge gegeben. Und daß sie dort nicht Stammspieler geworden sind, kann doch nur daran liegen, daß der derzeitige Trainer etwas gegen sie hat. Und so werden sie dann durch die Weltgeschichte verliehen und kicken lustlos auf Provinzsportplätzen vor sich hin und warten darauf, daß das neue Regime daheim sich ihrer erinnert und sie endlich heimholt, damit sie ihren längst verdienten Platz in der Weltgeschichte einnehmen.

Das Beste, was in diesen Konstellationen überhaupt möglich ist, ist, daß sie versuchen, sich über starke Leistungen für eine Rückholung aufzudrängen, also alles tun, um den aktuellen Verein, mit dem sie sich identifizieren sollen, um Leistung zu bringen, so schnell es geht wieder zu verlassen. Das ist das bestmögliche Szenario. Mannschaftsdienliches Verhalten können wir hier aussschließen, hier geht es ausschließlich darum, sich selbst als Held zu präsentieren.

Daß sich dieses Personal, wenn es gegen ein Ingolstadt oder Freiburg geht, mental anders geriert als gegen Valencia oder Tottenham, davon ist auch auszugehen. Das Exil ist nicht nur unangenehm, es ist offensichtlich auch Strafe. Alles geben für ein paar Monate in einer Provinztruppe gegen noch schlimmere Graupenvereine? Das ist unter der Würde eines verkannten Weltklassespielers. Wer da ohne jede Chance auf Belohnung die Selbstmotivation aufbringt und jeden Tag 100% gibt, hat meine Hochachtung. Da schiebt man mal schön Dienst nach Vorschrift. Sonst wollen die einen hier am Ende noch behalten.

Den einen oder anderen dieses Kalibers kann man kompensieren. Wenn Du aber die halbe Truppe aus solchen Nasen zusammensetzt, dann ist ein Gutes Ende ein absolutes Wunder. Das ist dann auch keine Söldnertruppe. Söldner werden für Leistung bezahlt, nicht für Loyalität. Die wissen das. Und leisten. Und ziehen weiter. Leihjungchen, die sich für was Besseres halten und nur darauf warten, schnellstens wieder gehen zu dürfen – das ist gar nichts. Und es nicht so, daß wir nicht mit genau diesem Kaliber in der Jungvergangenheit intensive Erfahrungen gemacht hätten.

Nobody ever got fired for buying IBM. Genau das ist es auch hier der eigentliche Grund dahinter. Wenn die Leihspieler nicht funktionieren, dann können die Verantwortlichen doch keinesfalls daran schuld sein. Real Madrid! Manchester United! Große Ligen. Ich bitte Sie! Damit hätte doch jetzt niemand rechnen können.

Und genau deshalb geht das alles in die dafür vorgesehene Hose. Das hat nichts mit Multikulti, Buuundesligaerfahrung oder Wappenküsserei zu tun. Nur damit, daß wir Spieler geholt haben, die nicht hier sein wollen. Das ist auch der Unterschied zum Modell Augsburg/Darmstadt. Wir sind nicht die letzte Chance für diese Spieler. Wir sind eine vorübergehende Irritation. Die sitzen uns aus. Unser Schicksal ist denen völlig egal.

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Die Ziele der Zufriedenen

Jetzt übt sich also auch Trainer Niko Kovac, vor kurzem durchaus mit Anflügen eines forschen, ambitionierten Geists gestartet, in der altbekannten und immerselben Eintracht-Frankfurt-Rhetorik:  „Ich hoffe, dass wir diese Zeit kriegen und dass das Umfeld geduldiger und demütiger ist, wissend, was hier in den letzten Jahren passiert ist. Natürlich will jeder Erfolg haben, aber man muss auch realistisch bleiben und sehen, was möglich ist und was nicht.“ Das hat er im Interview mit dem „Hessischen Rundfunk“ gesagt.

Zeit/Geduld. Demut. Meiner Auffassung nach sind solche Forderungen, ihre unablässige Wiederholung, mittlerweile regelrecht dreist. Eben weil „wissend was in den letzten Jahren passiert ist“! Denn was ist denn in eben jener Zeit, die nun vorneweg und je nach Rechenart 13 bis 20 Jahre andauert, passiert? Nichts, bestenfalls Stillstand, es geht für diese Mannschaft, egal in welcher Zusammensetzung, egal unter welchem Trainer beständig gegen den Abstieg. Ein Zustand, der seitens der Fans (Umfeld) mindestens immer ertragen wurde (Demut), der immer vergessen und der Hoffnung auf Besserung in der Zukunft gewichen ist (Zeit/Geduld).

Offensichtlich stellen sich wieder mal weder Trainer noch Funktionäre noch viele Fans die Frage, wieso Saison für Saison dieselben Phrasen gedroschen werden, wieso stets darauf verwiesen wird, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart, deren Tristesse man halt zu akzeptieren hat. Das Hier und Jetzt ist in der SGE-Rhetorik unabänderlich, man ist schicksalsergeben. Bei Eintracht Frankfurt, so könnte man meinen, könnte man sehr gut damit leben, wenn die Tabelle nicht über sportlichen Wettkampf, sondern anhand des Jahresetats o.Ä. errechnet würde. Die Mathematik lässt kein Underperfoming zu, auch kein Overperforming. Der Zement der Zahlen.

Realismus und Erfolg, die Kovac im Interview in einem Satz nennt, sind entgegengesetzte Pole. Wer sich keine Ziele setzt, die über das Überleben, über das „es muss drei noch schlechtere Mannschaften geben“ hinausgehen, wird keinen Erfolg haben. Jedenfalls keinen, der den Namen verdient. Denn Nichtabstieg ist kein Erfolg, nicht für einen Klub, der einen Jahresetat zwischen 30 und 40 Millionen Euro ausweist und somit zu den Top-Ten der Bundesliga zählt. Der SC Freiburg, SV Darmstadt, auch Ingolstadt, Kaiserslautern, St. Pauli und wie sie alle heißen – ja, für die ist ein Klassenerhalt Erfolg. Selbst Mainz 05 könnte angesichts vieler Basisfaktoren problemlos zufrieden damit sein, erstmal in der Bundesliga geblieben zu sein – zufrieden damit war man aber ja ganz offensichtlich nur im Ausnahmefall. In Frankfurt ist die Zufriedenheit mit dem Minimum hingegen der Regelfall. Übrigens auch im Umfeld, wo durch jahrelange Indoktrinierung eben diesem Wohlfühlminimalismus das Wort geredet wird.

Auch ich war ja lange Anhänger der These und Herangehensweise, dass die SGE sich erstmal sportlich fangen, aus Frankfurt einen seriösen Klub samt zeitgemäßer Infrastruktur gemacht werden müsse. Auch ich hatte angesichts der absurden Wirtschaftslage aus den 1990ern den Fokus auf finanzieller Konsolidierung, war ein Freund der Bruchhagenschen Transferpolitik in den Friedhelm-Funkel-Jahren. Aber wie alles im Leben, müssen grundsätzliche Dinge irgendwann mal abgeschlossen sein, neue Ziele gesetzt, nach viel Arbeit im besten Fall erreicht werden, bevor es wiederum neue Ziele gibt.

Vielleicht – mal als Denkanstoß in Richtung der Verantwortungsträger – endet es in Frankfurt ja häufig so trist und trüb, weil man sich bei der Eintracht nie andere als Minimalismus-Ziele setzt bzw. höhere Ziele nicht konsequent und allen heutzutage nunmal erforderlichen Schritten – auch und gerade finanziellen Prämissen – angeht. Auch in dieser Saison deutet sich das wieder an. Anstatt die Tatsache, den Kopf noch gerade so aus der Abstiegsschlinge gezogen zu haben, als trotziges „Das soll unser vorerst letztes Mal da unten drin gewesen sein“ anzugehen, wird schon wieder gewarnt, gemahnt, gebremst, sich klein gemacht und bloß jede noch so kleine Saat von Erwartungen zerstört. Mit Worten, aber auch mit Taten – siehe Transferpolitik und Pflichtspielauftakt. Immerhin: In Nebensätzen lässt Kovac durchblicken, dass man „besser abschneiden“ wolle als vergangenen Saison. Ketzerisch könnte man das so einordnen, dass alles andere als das nichts anderes als den Direktabstieg bedeuten würde. Unverfänglicher kann eine Aussage also kaum sein.

Was hätte man nicht an Aufbruchsstimmung entfachen können nach dem Dusel-Klassenerhalt 2015/2016! Man stelle sich mal vor, die Anhänger würden die Gesichter der Spieler erkennen und zuordnen können, es gebe Identifikaitonsfiguren, gar „emotional leader“, in der Vorbereitung hätte das Team spielerisch Eindruck hinterlassen, zweitklassige Gegner wie Celta Vigo oder Atalanta Bergamo trotz vorherigem Training und erst noch zu verfeinernder Eingespieltheit beherrscht, im Pokal gegen einen drittklassigen Kontrahenten 3:0, 4:0, 5:0 gewonnen, vielleicht auch nur 2:0 oder gar 2:1, aber eben mit vielen erspielten Torchancen, mit Tempo, mit Struktur, mit Frische, eben mit Formen von Dominanz. Spieler, Trainer und Funktionäre würden mit einem Strahlen in den Augen in die Bundesligaspielzeit gehen, mit Lust auf mehr, mit Willen und Können, mit dem Ziel in einen Lauf zu kommen. Die Fans, selbst die Amöben unter ihnen, wären in den Köpfen den Träumen vom Bundesliga- statt dem Randalemeister näher. Wenn die Emotionalität schon nach Dusel-Klassenerhalten, nach Geradeso-EuropaLeague-Erreichen sich derart Bahn bricht wie in Frankfurt – was wäre an Erruption der Emotion, an Bündelung der Kräfte rund um diesen Klub möglich, wenn das durch Worte und Taten befeuert werden würde.

Undenkbares Szenario in Frankfurt. Stattdessen wird die „schwierige Saison“ beschworen, von Tag 1 an und bis zum Ende – und mit dieser Haltung gehts dann eben auch in die Spiele. Blei. Beton. Bräsigkeit. Ich frage mich, woher diese Angst vor Ambition kommt. Die Furcht davor, sich für ein wenigstens halbwegs hohes Ziel, einen Kurs klar zu positionieren. Es wäre ein Satz wie: „Wir wollen unter die ersten Zehn kommen.“ Das ist doch ein schlichter Satz, einer ohne illusorischen Inhalt. Wieso wird er nicht gesagt? Wirds am Ende – wie immer – Rang 13, 14, 15 … herrje, wenn man scheitert, dann scheitert man eben. Aber gebt den Leuten doch mal was, mehr als dieses ewig Geduckte, diese Elends-Ergebenheit!
Irgendwann, und das checken die Funktionäre und offenbar auch Trainer/Spieler der SGE einfach nicht, lässt man sich als Anhänger nicht mehr verarschen. Jedenfalls, wenn man ein wenig reflektiert und durch die altersbedingte Erfahrung gestählt ist. Das resultiert dann in einer manifestierten und nicht mehr als Folklore zu tarnenden Enttäuschung, was wiederum zu Entfremdung führt.

Beschleunigt wird der Prozess dadurch, dass man sich mitunter nicht nur sportlich, vor allem regelmäßig für die Menschen schämen muss, die vorgeben, demselben Klub die Daumen zu drücken wie man selbst, ihn aber via Hirnlos-Hedonismus zerstören. (Frankfurter) Fußballfans sind nämlich bisweilen eben doch Verbrecher.

Gegen Schalke, wo wir tatsächlich ein anderes Spiel, eine andere Spielweise sehen werden, gibt es für die SGE am Samstag übrigens ein Unentschieden. Das Weiterkommen im Pokal stand für mich – obwohl ich diese groteske Mittellosigkeit nicht ahnte – ja schon außer Frage, das Auftaktremis gegen Gelsenkirchen sehe ich als ebenso gesichert an. Den Klassenerhalt übrigens auch.

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Muster mit viel Wert

Als ob die sportlich Verantwortlichen vorab ein Script geschrieben hätten, lenkt die neuerliche Entgleisung, die neuerliche Debatte rundum eine der assozialisten und kriminellsten Fanszenen Deutschlands – die von Eintracht Frankfurt – von den Leistungen, Missständen im fußballerischen Bereich ab. Dabei ist das, was in Madgeburg zu sehen gewesen ist, höchst brisant.

Denn mal wieder zeigt sich, dass die Eindrücke aus Testspielen eben doch ein Muster mit ziemlich viel Wert sind – jedenfalls dann, wenn man gewillt ist, genauer hinzuschauen. Nicht die Ergebnisse sind dann aufschlussreich, sondern die Mixtur aus Spielweise (auch der des Gegners, etwa dem körperlosen und trabenden Celta de Vigo) und die im Zuge dessen zu erkennenden Strukturen.  Kurzum: Wer in Tests langsam und ideenlos agiert, wird im Pflichtspiel nicht schnell und kreativ handeln. Das ist ja genau der Kern von Automatismen: Sie funktionieren immer bzw. sollen immer funktionieren. Wenn es aber keine Automatismen gibt, weil sie nicht trainiert werden, weil es den Drill nicht gibt, weil das Fußballspielen sekundär bis tertiär hinter Kraft, Kondition und Kaderzusammengewürfel folgte (was ja in den Berichten zur Saisonvorbereitung überliefert ist), sieht das eben so aus wie die SGE ihr Spiel in Magdeburg vorgetragen hat. Und weil das alles so ist, lassen sich natürlich auch Schlüsse und Ahnungen aus dem Pokalspiel in Richtung Bundesligasaison(start) ziehen bzw. ableiten.

Eine Fähigkeit, die im Kernaufgabenbereich von professionellen Trainern liegt, ist nicht nur, diese Dinge zu erkennen. Der Coach, in diesem Fall Niko Kovac, dürfte es eigentlich erst gar nicht zu solch einem spielerischen Kollaps kommen lassen.
Es stellt sich nämlich schon die Frage, wie es sein kann, dass der Erstligist dem Tabellen-Fünfzehnten (!) der 3. Liga nicht in einem spielerischen Aspekt überlegen war. Der Klassenunterschied ließ sich eher so erkennen, dass Magdeburg ein, zwei Ligen höher spielt als Eintracht Frankfurt. Das hat Gründe. Gründe, die über das abgedroschene „für die ists schon das Spiel des Jahres, für unsere das allererste ernste Spiel“ hinaus gehen. Wenn sie nicht im Training zu suchen sind, dann wohl bei den Spielern bzw. der Kaderzusammenstellung. Entweder was das grundsätzliche Personal angeht oder die (über Wochen verbummelte) Eingespieltheit. Denn eines dürfte ja auch dem letzten Optimisten klar sein: Es gab und gibt Mannschaften auf SGE-Augenhöhe, die ihre Gegner trotz Kaltstart, trotz neuer Spieler, trotz Eingespieltheit des Gegners und dessen Hoch-Motivation, einfach mal wegfiedeln oder eben souverän, kräfteschonend besiegen (Köln, Darmstadt, Hoppenheim bspw). Ein 4:0, 5:0, 6:0 ist nicht zu verlangen, das ist klar, aber Dominanz? Ich meine, ja, das darf man erwarten, wenn der Kaderwert 60,2 Mio. auf den Kaderwert 5,8 Mio. trifft. Dominanz zumindest in grundsätzlichen Dingen wie Passspiel und Spielstruktur, Geschwindigkeit und Präzision.

Trainer Kovac muss nun jedenfalls binnen einer Woche so viel Fußballerisches in dieses abermals hilflose Team bekommen, das man schlicht skeptisch sein muss, was den Saisonstart gegen Schalke angeht. Ein Remis errumpeln, das könnte ja drin sein. Spielerisch droht uns, nimmt man die Eindrücke aus dem Pokalspiel als Grundlage, eine frühe Renaissance des Schaaf-Fußballs mit Langholz als offensives Hauptstilmittel. Euphorie.

 

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Na, überrascht?

Alles, was und vor allem wie es in Magdeburg passiert ist – das Fast-Ausscheiden von Eintracht Frankfurt – zeichnete sich ab. Über Wochen. Vieles ist hier im Blog-Archiv nachlesbar.

Michael Hector beispielsweise, eine Art Symbol für die Wundertüten-Trabaferpolitik der SGE, ist wohl das erwartete Ärgernis. Ein Spieler, der gegen ein körperlos spielendes Celta Vigo, vor Langnese-Familienblock-Publikum, gut aussah, so, wie die meisten Landesligisten dort gut ausgesehen hätten  – Lobeshymnen folgten, Vergleiche mit Sotos Kyrgiakos. Und dann wird er duschen geschickt nach Duellen mit Drittligaspielern. Himmel!

Worte, darin ist man groß in Frankfurt. Auch der Trainer, der eben das erzählt was gerne gehört wird von Fans, aber Taten? Es ist den Spielern gegen einen 3.-Ligisten nicht mal über Kraft-/Konditionsvorteile – 2 Stunden Training, buhu! – Dominanz auszustrahlen. Das darf zu Denken geben. Es ist auch alarmierend, wenn der Trainer sagt, seine Warnungen „gehen da rein, dort wieder raus“, man habe den Gegner wohl „unterschätzt“. Wow. Da hat man sich offenbar eine richtige Supertruppe zusammen-gesöldnert, richtig für den Klub brennende Kicker.

Nein, niemand muss einem unterklassigen Gegner 5,6,7 Dinger reintun. Aber einen Klassenunterschied in irgendeinem Punkt zu sehen ist wohl nicht zu viel verlangt. Gab es den? Leidlich. Glück, vielleicht Abgezocktheit, eher aber Lukas Hradecky. Bezeichnend.

Hauptsache weiter? Klar. Man kann sich jetzt natürlich auch herrlich ergötzen an Leipzig und Bremen. Ha ha. Macht das eigene Auftreten gleich besser, was?! Ein Spiel ist dann aber eben doch mehr als das Ergebnis, jedenfalls gibt es sportliche, spielerische Fingerzeige. Und was da in ersten Pflichtspiel zu sehen gewesen ist, lässt einen schaudern. Uninspiriert, ideenlos, hilflos, lahm – im Grunde die Fortsetzung des Trends der vergangenen zwei Jahre

Diese Mannschaft, und das erschüttert selbst mich Skeptiker, ist – stand jetzt – wesentlich schlechter als prognostiziert. Überraschungs-Team? Ja, aber in welche Richtung.

Immerhin ist auf das unterirdische Niveau der Frankfurt-Fans Verlass. Die passen sich auch dem letzten Assikick mit ihrem Assoverhalten an. Nazi-Provokation, jaja, und vorsorglich hatte man schonmal alle Utensilien daheim. Schimpansen.

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