Die Ziele der Zufriedenen

Jetzt übt sich also auch Trainer Niko Kovac, vor kurzem durchaus mit Anflügen eines forschen, ambitionierten Geists gestartet, in der altbekannten und immerselben Eintracht-Frankfurt-Rhetorik:  „Ich hoffe, dass wir diese Zeit kriegen und dass das Umfeld geduldiger und demütiger ist, wissend, was hier in den letzten Jahren passiert ist. Natürlich will jeder Erfolg haben, aber man muss auch realistisch bleiben und sehen, was möglich ist und was nicht.“ Das hat er im Interview mit dem „Hessischen Rundfunk“ gesagt.

Zeit/Geduld. Demut. Meiner Auffassung nach sind solche Forderungen, ihre unablässige Wiederholung, mittlerweile regelrecht dreist. Eben weil „wissend was in den letzten Jahren passiert ist“! Denn was ist denn in eben jener Zeit, die nun vorneweg und je nach Rechenart 13 bis 20 Jahre andauert, passiert? Nichts, bestenfalls Stillstand, es geht für diese Mannschaft, egal in welcher Zusammensetzung, egal unter welchem Trainer beständig gegen den Abstieg. Ein Zustand, der seitens der Fans (Umfeld) mindestens immer ertragen wurde (Demut), der immer vergessen und der Hoffnung auf Besserung in der Zukunft gewichen ist (Zeit/Geduld).

Offensichtlich stellen sich wieder mal weder Trainer noch Funktionäre noch viele Fans die Frage, wieso Saison für Saison dieselben Phrasen gedroschen werden, wieso stets darauf verwiesen wird, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart, deren Tristesse man halt zu akzeptieren hat. Das Hier und Jetzt ist in der SGE-Rhetorik unabänderlich, man ist schicksalsergeben. Bei Eintracht Frankfurt, so könnte man meinen, könnte man sehr gut damit leben, wenn die Tabelle nicht über sportlichen Wettkampf, sondern anhand des Jahresetats o.Ä. errechnet würde. Die Mathematik lässt kein Underperfoming zu, auch kein Overperforming. Der Zement der Zahlen.

Realismus und Erfolg, die Kovac im Interview in einem Satz nennt, sind entgegengesetzte Pole. Wer sich keine Ziele setzt, die über das Überleben, über das „es muss drei noch schlechtere Mannschaften geben“ hinausgehen, wird keinen Erfolg haben. Jedenfalls keinen, der den Namen verdient. Denn Nichtabstieg ist kein Erfolg, nicht für einen Klub, der einen Jahresetat zwischen 30 und 40 Millionen Euro ausweist und somit zu den Top-Ten der Bundesliga zählt. Der SC Freiburg, SV Darmstadt, auch Ingolstadt, Kaiserslautern, St. Pauli und wie sie alle heißen – ja, für die ist ein Klassenerhalt Erfolg. Selbst Mainz 05 könnte angesichts vieler Basisfaktoren problemlos zufrieden damit sein, erstmal in der Bundesliga geblieben zu sein – zufrieden damit war man aber ja ganz offensichtlich nur im Ausnahmefall. In Frankfurt ist die Zufriedenheit mit dem Minimum hingegen der Regelfall. Übrigens auch im Umfeld, wo durch jahrelange Indoktrinierung eben diesem Wohlfühlminimalismus das Wort geredet wird.

Auch ich war ja lange Anhänger der These und Herangehensweise, dass die SGE sich erstmal sportlich fangen, aus Frankfurt einen seriösen Klub samt zeitgemäßer Infrastruktur gemacht werden müsse. Auch ich hatte angesichts der absurden Wirtschaftslage aus den 1990ern den Fokus auf finanzieller Konsolidierung, war ein Freund der Bruchhagenschen Transferpolitik in den Friedhelm-Funkel-Jahren. Aber wie alles im Leben, müssen grundsätzliche Dinge irgendwann mal abgeschlossen sein, neue Ziele gesetzt, nach viel Arbeit im besten Fall erreicht werden, bevor es wiederum neue Ziele gibt.

Vielleicht – mal als Denkanstoß in Richtung der Verantwortungsträger – endet es in Frankfurt ja häufig so trist und trüb, weil man sich bei der Eintracht nie andere als Minimalismus-Ziele setzt bzw. höhere Ziele nicht konsequent und allen heutzutage nunmal erforderlichen Schritten – auch und gerade finanziellen Prämissen – angeht. Auch in dieser Saison deutet sich das wieder an. Anstatt die Tatsache, den Kopf noch gerade so aus der Abstiegsschlinge gezogen zu haben, als trotziges „Das soll unser vorerst letztes Mal da unten drin gewesen sein“ anzugehen, wird schon wieder gewarnt, gemahnt, gebremst, sich klein gemacht und bloß jede noch so kleine Saat von Erwartungen zerstört. Mit Worten, aber auch mit Taten – siehe Transferpolitik und Pflichtspielauftakt. Immerhin: In Nebensätzen lässt Kovac durchblicken, dass man „besser abschneiden“ wolle als vergangenen Saison. Ketzerisch könnte man das so einordnen, dass alles andere als das nichts anderes als den Direktabstieg bedeuten würde. Unverfänglicher kann eine Aussage also kaum sein.

Was hätte man nicht an Aufbruchsstimmung entfachen können nach dem Dusel-Klassenerhalt 2015/2016! Man stelle sich mal vor, die Anhänger würden die Gesichter der Spieler erkennen und zuordnen können, es gebe Identifikaitonsfiguren, gar „emotional leader“, in der Vorbereitung hätte das Team spielerisch Eindruck hinterlassen, zweitklassige Gegner wie Celta Vigo oder Atalanta Bergamo trotz vorherigem Training und erst noch zu verfeinernder Eingespieltheit beherrscht, im Pokal gegen einen drittklassigen Kontrahenten 3:0, 4:0, 5:0 gewonnen, vielleicht auch nur 2:0 oder gar 2:1, aber eben mit vielen erspielten Torchancen, mit Tempo, mit Struktur, mit Frische, eben mit Formen von Dominanz. Spieler, Trainer und Funktionäre würden mit einem Strahlen in den Augen in die Bundesligaspielzeit gehen, mit Lust auf mehr, mit Willen und Können, mit dem Ziel in einen Lauf zu kommen. Die Fans, selbst die Amöben unter ihnen, wären in den Köpfen den Träumen vom Bundesliga- statt dem Randalemeister näher. Wenn die Emotionalität schon nach Dusel-Klassenerhalten, nach Geradeso-EuropaLeague-Erreichen sich derart Bahn bricht wie in Frankfurt – was wäre an Erruption der Emotion, an Bündelung der Kräfte rund um diesen Klub möglich, wenn das durch Worte und Taten befeuert werden würde.

Undenkbares Szenario in Frankfurt. Stattdessen wird die „schwierige Saison“ beschworen, von Tag 1 an und bis zum Ende – und mit dieser Haltung gehts dann eben auch in die Spiele. Blei. Beton. Bräsigkeit. Ich frage mich, woher diese Angst vor Ambition kommt. Die Furcht davor, sich für ein wenigstens halbwegs hohes Ziel, einen Kurs klar zu positionieren. Es wäre ein Satz wie: „Wir wollen unter die ersten Zehn kommen.“ Das ist doch ein schlichter Satz, einer ohne illusorischen Inhalt. Wieso wird er nicht gesagt? Wirds am Ende – wie immer – Rang 13, 14, 15 … herrje, wenn man scheitert, dann scheitert man eben. Aber gebt den Leuten doch mal was, mehr als dieses ewig Geduckte, diese Elends-Ergebenheit!
Irgendwann, und das checken die Funktionäre und offenbar auch Trainer/Spieler der SGE einfach nicht, lässt man sich als Anhänger nicht mehr verarschen. Jedenfalls, wenn man ein wenig reflektiert und durch die altersbedingte Erfahrung gestählt ist. Das resultiert dann in einer manifestierten und nicht mehr als Folklore zu tarnenden Enttäuschung, was wiederum zu Entfremdung führt.

Beschleunigt wird der Prozess dadurch, dass man sich mitunter nicht nur sportlich, vor allem regelmäßig für die Menschen schämen muss, die vorgeben, demselben Klub die Daumen zu drücken wie man selbst, ihn aber via Hirnlos-Hedonismus zerstören. (Frankfurter) Fußballfans sind nämlich bisweilen eben doch Verbrecher.

Gegen Schalke, wo wir tatsächlich ein anderes Spiel, eine andere Spielweise sehen werden, gibt es für die SGE am Samstag übrigens ein Unentschieden. Das Weiterkommen im Pokal stand für mich – obwohl ich diese groteske Mittellosigkeit nicht ahnte – ja schon außer Frage, das Auftaktremis gegen Gelsenkirchen sehe ich als ebenso gesichert an. Den Klassenerhalt übrigens auch.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Die Ziele der Zufriedenen

  1. Koppweh

    Dauerkartenrückgang bei MAINZ HAMBURG AUGSBURG.

    Beim BVB haben 87 DK Besitzer die Reisleine gezogen.
    Wahrscheinlich wegen Götze …hi hi ne spass

    Die Welt läßt sich besser in Zahlen erklären.

    Die Eintracht hat 2000 Dauerkarten mehr verkauft.
    Das Bier im Stadion schmeckt wie Pisse.

    Ergo gehen die meisten wegen dem Fussball ins Stadion!
    Da kann Björn rumnörgeln wie er will .

    Wir haben die lautestens Fans!
    Und wir haben die beste Stimmung in der ganzen Liga!

    Trikots sehen zwar Scheiße aus.
    Aber was solls .Wenns hilft.

    Die Eintracht will eventuell noch einmal nachlegen auf den Transfermarkt.
    Hi hi ……hat der Frankenbach noch Geld gefunden…….oder hat er festgestellt das die anderen noch mehr ausgeben als wir.
    Siehe Darmstadt……die unseren haben wohl angst vor Ben Hatira…
    Unser Spieleretat richtet sich nach der Konkurrenz.
    Der Witz des Tages.
    ……………DER WITZ DES TAGES……..
    Oh man die Eintracht kann froh sein das ich nicht in den Büchern gucken kann.

    OCTACON: Die Eintracht ist wie ein Sieb.
    Der Spruch ist 15 Jahre alt aber immer noch gültig.
    Momentan stehen wir bei 32 Millionen Spieleretat.
    Es fehlen nach wie vor 6 Millionen Spieleretat.

    Alsfort was solls . Schlagen wir im Winter nochemol zu.
    I love Wintertransfers. Alles zum halben Preis.

    Pulisic 17 Jahre 20 Millionen …..die Welt ist verrückt
    He Manga habbe wir ka scouts in America. Fährtenleser you know what ei mean.

    Onner langt wir habbe doch de timmy……jaylooooooo

  2. Man nehme den HSV, den VfB, Gladbach und den 1. FC Köln als Vergleich. Der VfB hat es verbockt und ist abgestiegen. Der HSV schafft es immer wissen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und die anderen beiden haben es aktuell mehr oder weniger geschafft. Gerade Gladbach ist ein Beispiel was möglich ist und das schon relativ stabil obwohl wir denen in der 2. Liga gespielt haben.

    Ich kann Kovac verstehen. Was soll er sich jetzt in die Öffentlichkeit stellen und hohe Ziele ausgeben. Der kennt die Mannschaft jetzt seit einigen Monaten und weiß, dass dieses Jahr wieder nichts gehen wird. Mit den Randalefans werden auch keine Sponsoren kommen. Hat doch keiner Bock das Logo nur zwischen Bengalos und Rauchtöpfen zu sehen.
    Wo ist denn wirklich ein Spieler der es zu etwas gebracht hat, Alex M einmal außen vor gelassen. Rode ist zumindest bei großen Vereinen untergekommen. Jung sitzt auf der Bank. Russ ist wieder zurück. Da ist kein Hochkaräter dabei. Entsprechend fehlen diese Spieler bei der SGE und sie fehlen im Transferetat. Da sind Augsburg, Mainz, etc einfach besser.
    Schade.
    Unentschieden ist doch gar nicht mal so schlecht.

  3. F.N.

    Die Aussagen von Kovac sind nicht ganz nachvollziehbar. Wenn man nur auf die Abschlusstabellen der letzten Jahre schaut, war die Situation der SGE mit Ausnahme der letzten Saison nicht so schlecht. Europapokalquali war dabei und auch unter Schaaf wäre noch mehr drin gewesen , wenn man nicht in Berlin so uninspiriert aufgetreten wäre. Spielerisch und läuferisch wars halt grottig, aber tabellentechmisch ok. Und diese Erwartungshaltung sollte man auch haben . In der Liga sind 10 Mannschaften dabei, die absteigen können Also kann man auch 9. werden. Und diese Zielsetzung würde ich einer gut dotierten Fußballmannschaft auch mit auf den Weg geben, aber doch nicht schon im Vorfeld anfangen zu weinen, in Anbetracht der Erwartungshaltung des Frankfurter Publikums. Dann wird es wieder eine Alibisaison .
    Ein Punkt gegen Schalke ist Pflicht. Ich setze auf Sieg für die SGE, aber fundamental begründen kann ich es nicht. Ich möchte nur 2017 im Herbst durch Europa touren…..

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