Monatsarchiv: Oktober 2016

Die neue Schläue

Zweimal die Sieben, einmal die Acht und zweimal die Dreizehn. Keine Lottozahlen, sondern die (vor-Sonntagspiele)Punktabstände von Eintracht Frankfurt zu jenen Teams, die mittel- bis langfristig im Abstiegskampf der Bundesliga stecken werden. Fünf Mannschaften sind es also, die erstmal die gerade genannten Rückstände auf die SGE aufholen müssten, um diese in den Strudel Abstiegskampf zu ziehen. Hegt man dann noch die Hoffnung, dass ein, zwei Hardcore-Überraschungsteams – zu denen ich mehr noch als alle anderen den SC Freiburg zähle – in den kommenden Monaten mehr als drei, vier Positionen in der Tabelle abrutschen, befindet sich die Eintracht mindestens auf Kurs sicherer Hafen, eher einstelliger Tabellenrang.

Ein Freund, einträchtlicher Leidensgenosse und selbst fußballerisch eher Stehgeiger denn Kampfbüffel, schrieb nach dem Abpfiff der Samstagsspiele sogar von mehr: „Für Frankfurt öffnen sich diese Saison große Türen“. Bei solchen Aussichten musste meine SMS-Antwort einfach sarkastisch ausfallen: Sogleich verwies ich auf die gebotene Demut, Bundesliga spielen zu dürfen, den unzerstörbaren Zement der Tabelle und die überzogene Erwartungshaltung des Umfelds. Ich also leistete meinen Beitrag zur jahrelang verordneten und vorgelebten Ambitionslosigkeit Eintracht Frankfurts.

Jener Freund schrieb fernab aller Witzeleien aber auch etwas, das wesentlich näher an der Gegenwart ist. Er bezeichnete den Fußall der SGE als „schlau“. Und das ist die einzig wirklich treffende Vokabel, die den Verlauf der vergangenen Wochen auf den Punkt bringt. Denn die Spielweise, der Stil der Eintracht ist nicht (anders) zu benenen. Mal forsch, regelrecht draufgängerisch, mal verhalten, beinahe passiv – jedesmal jedoch abgeklärt, souverän, reif; reifer denn je, mag man sagen. Die Herangehens- und Spielweise ist auf den Gegner abgestimmt, eine eigene Ausrichtung gibt es eigentlich gar nicht. Die Handschrift? Um im Bild zu bleiben: krakelig, mal in Schreib-, mal in Druckschrift, mal lateinisches, mal arabisches Alphabet, mal von links nach rechts, mal von rechts nach links.
Seit Saisonbeginn spürt man überdies bei den Spielern eine Sicherheit, die lange ungesehen gewesen ist in Frankfurt. Denn sie wissen, was sie tun. Es ist auch eine andere Sicherheit als jene nach dem Wiederaufstieg als Armin Veh die Gegner reihenweise mit brachialem Offensivfußball überraschte. Der Erfolg seinerzeit fußte genau auf dieser Mixtur: Konsequenter, beinahe fundamentalistischer Fußball, der Überraschtheit beim Gegner erzeugte. In der Gegenwart ist es weder radiakle Fußballinterpretation noch profitiert man davon, Gegner zu übertölpeln. Nur eines ist deckungsgleich: Der Erfolg sorgt für Selbstvertrauen, Selbstvertrauen erzeugt – beinahe metaphysisch und tatsächlich unerklärlich – Glück und Glück wiederum bringt Ergebnisse, bringt einen zurück an den Ausgangspunkt, zum Erfolg. So zu sehen im DFB-Pokalspiel gegen Ingolstadt, als es letztlich das Elfmeterglück war, das die Eintracht statt Audi in die nächste Runde bugsierte. Die Eintracht befindet sich aktuell auf der Seite jener Spirale, die Erfolg statt, wie auf der anderen Seite Misserfolg befördert.

Vermutlich gibt es keinen Spieler im aktuellen Kader, der besser zum Symbol für die (von Trainer Niko Kovac) eingeführte Erweckung taugt als Bastian Oczipka. Der Linksverteidiger, der bis vor dieser Saison eine starke Spielzeit hatte und danach jahrelang von exakt jener einen starken Spielzeit zehrte, knüpft nun – auf andere Art und Weise – an die Vergangenheit an. Oczipkas Leistungen sind besser, konstanter geworden. Sein defensives Stellungsspiel beispielsweise ist derzeit nicht wiederzuerkennen, seine Möglichkeiten an unterschiedlichen Spielweisen – ehemals mehr auf bedingungslose Offensive denn auf Ausgewogenheit oder gar Stabilität getrimmt – haben sich sichtbar erweitert. An seinem neuen Konkurrenten Taleb Tawatha wird dieser Aufschwung, diese Repertoire-Erweiterung mit Sicherheit nicht liegen, der Israeli erscheint von seinem Niveau sogar eher unter Ex-Dauer-Linksverteidigerreservist Constant Djakpa zu liegen. Und auch an seinem Vordermann wird das nicht liegen, denn dort auf dem linken Flügel hat die personelle Fluktuation weiterhin kein Ende. Ergo: Oczipka, der sich durch die Leistungen auch mehr und mehr eine Führungsrolle verdient, muss selbst viel richtig gemacht haben und machen.

Viel richtig machen – das gilt natürlich angesichts des Tabellenstands und vor allem der Art und Weise der Auftritte in den Spielen für viele Aktuere in Team und Klub. Zu Trainer Niko Kovac ist auch hier viel geschrieben worden, „Glücksfall“ beschreibt ihn wohl am knappsten und besten. Die Transferpolitik von Sportdirektor Bruno Hübner, die hier mit Worten wie „Wundertüten“ kritisiert worden ist, entpuptt sich – obgleich bislang ohne Krisenerprobung – als richtig. Die allermeisten Spieler ziehen mit, verbesserten sich, verstehen offenkundig das große Ganze.
Einzig die Schweizer Eintagsfliege Haris Seferovic findet partout keinen Ausweg aus seinem One-hit-wonder-Dasein. In rund zwei Monaten dürfte sich das Kapitel Seferovic, das – wie bei all seinen Stationen – so verheißungsvoll begann, erledigt haben. Leider zu einem Buchpreis von weit weit weniger als zehn Millionen Gladbacher Euro. Und für Yani Regäsel, den vor einem Jahr schon irgendwie seltsam deplatziert wirkenden Transfer, gibt es im bevorstehenden Winter wahrscheinlich noch zehn Euro – aber eben ohne die Million davor. Dann ist wieder Zeit für die Spekulation(en) um Rechtsverteidier Sebastian Jung, der ab Monatsende wieder ins VW-Teamtraining einsteigen und die Wintervorbereitung voll belastbar absolvieren können soll.
Aber bis dahin bleiben wir in der Gegenwart, und die sieht so aus: Heimspiel gegen Köln am nächsten Samstag um 18.30 Uhr. Mit welchem der drei Ps rechnet unser einer denn, Pleite, Punkt oder Punkte? Schlaue Antworten erbeten.

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Schiedlich, friedlich

Wäre in Mönchengladbach mehr drin gewsen als das 0:0, als der eine Auswärtspunkt? Seien wir ehrlich, nein, dieses Ergebnis entspricht dem Spielverlauf weitgehend – und die wenigen Chancen, die man angesichts der wenigen Torschüsse überhaupt so bezeichnen darf, hatte dann doch eher Mönchengladbach. Eine schiedlich, friedlich geendete Punkteteilung. Ein Erfolg eher für die SGE denn für BMG.

Die Eintracht punktet kontinuierlich, sie beweist überdies stets ihre Konkurrenzfähigkeit, hat einen Plan und eine Ordnung auf dem Feld, die es allen Gegnern schwermacht. Bemerkenswert ist das.

Auffälig jedoch: Ohne Alexander Meier fehlt einfach die letzte Konsequenz, neben der Torgefahr die vom Kapitän selbst ausgeht, bindet er eben auch Aufmerksamkeit, die von anderen ablenkt. Gegen Gladbach war Meiers Fehlen durchaus sichtbar, außer Branimir Hrgotas Netzschuss war da ja nichts. Eine Duplizität zum Pokalspiel am Dienstag.

Aber will man nach all der Tristesse der Vergangenheit nun wirklich auf hohem Niveau anfangen zu mäkeln? Ich nicht, hier nicht. Ich nehme nur erstaunt zur Kenntnis – auch und gerade, dass aus Bastian Oczipka noch/wieder etwas/einer von/mit (auch sportlichen, spielerischen) Format geworden ist.

Eintracht Frankfurt wird 2017 nicht unten drin stehen, mit dem Abstiegskampf nichts zutun haben. Das ist (die abermalige Wiederholung) meine Festlegung.

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Zeit für den Rückschlag?

Mut ja, aber Übermut? Das war dann doch zu viel (Rotation) des guten. Trainer Niko Kovac hat mit seiner Entscheidung zur B -Startelf für das Pokalspiel einen Fehler gemacht, der beinahe kostspielig geendet wäre. Letztlich brachte die „Wende, eher die Stanilität/Sicherung der Struktur in diesem dünnen Fußballspiel die Hereinnahme von Stammspielern wie Marco Fabian (tja…) und Bastian Oczipka, der dann tatsächlich Führungsqualitäten zeigte.

Nicht das ebenso böse wie ungesättigte „Umfeld“ überschätzt die Mannschaft, in diesem konkreten Fall war es der Trainer höchstselbst, der (einige) Spieler überschätzt(e). Taleb Tawatha etwa, auch Yani Regäsel. Natürlich sind Personalwechsel sinnvoll, aufgrund mehrerer Faktoren, nicht zuletzt dem Binnenklima. Ob es dann aber gleich Reservespieler plus Systemumstellung sein muss, das ist dann doch sehr fraglich. Beworben hat sich nach allem, was ich im Dia-Livestream in einer Römer Hotellobby sehen konnte, niemand. Am wenigsten die Herrn Regäsel, Tashani, Seferovic und Tawatha.

Nun gegen Borussia Mönchengladbach würde diese (wieder) zur Schau gestellte Satuiertheit zu einer Niederlage führen, zwingend. In Gladbach … ich persönlich rechne der SGE wenig Chancen aus. Nicht nur wegen dem Fehlen von Alexander Meier sondern weil es jetzt mal Zeit für den „Rückschlag“ wäre. Auf siegreiches DFB-Pokal-Gewürge darf dann auch mal sowas folgen. Entspannt dürfte man das zur Kenntnis nehmen – zumal, wenn das WIE passt. Ein (Übermut-)WIE a la Ingolstadt würde aber sicher weit schwerer zu akzeptieren sein als der Mut aus den vorwochen.

Was meint ihr, ist mir im Römer Ruckelstream tatsächlich ein Punkt für Eintracht Frankfurt vergönnt? Oder müssen die Augen, die hier so viel Schönes sehen, wieder doppelt leiden wie am Dienstag?

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Leere Ränge (!) Volle Kassen (?)

Irgendetwas um die 10 000 Zuschauer werden sich letzlich also zum Pokalheimspiel am Dienstagabend einfinden, davon 200, 300 Ticketinhaber des vor Strahlkraft strotzenden Investorenklubs aus Audistadt. Live im Waldstadion schauen damit aber immernoch mehr Menschen ein Fußballspiel, als Emotions-Duelle der Kategorie Hoppenheim vs. VW oder Sandhausen gegen Heidenheim im Fernsehen verfolgt werden.

Ingolstadt, das Borussia Dortmund am Range der Niederlage hatte und so forsch auftrat wie schon gegen Bayern München, unterschätzt man schon mehrfach. Quittung folgte. Im Ligaspiel vor wenigen Wochen war das anders, da agierte man konzentriert und konsequent – bitte jetzt nochmal so. Denn diese Saison könnte man dank dieses Autobauer-Light-Loses endlich mal wieder über die 2., je nach Auslosung 3. Runde hinaus kommen; die SGE, unter Friedhelm Funkel einst so etwas wie verlässlicher Pokalschreck, hat in den vergangenen Jahren ja in aller Regelmäßigkeit den Jahreswechsel schon mal gar nicht als Wettbewerbsteilnehmer verbracht. Bereits im Herbst war er häufig zuende gegangen, der Weg, der so schnell wie kein anderer zum Futtertrögchen Europapokal führt und bei dem schon Runde für Runde Geld in die AG-Kasse gespült wird. Aber wie so vieles ist auch das Zukunftsmusik. Die Gegenwart heißt Ingolstadt bei Bäh-Wetter.

Leider spielt Mönchengladbach, Gegner am Freitagabend, zeitgleich zur Eintracht im Pokal. Immerhin geht es für die gegen den VfB Stuttgart, die im Vergleich zur SGE sicherlich unangenehmere, hoffentlich auch über 120 Minuten kräftezehrende Aufgabe.

Ich selbst werde die nächsten zwei Pflichtspiele schon wieder nur auf Ruckelstream in irgendeiner Hotellobby oder irgendeinem Einkaufszentrum schauen können. Aber immerhin bei Anti-Bäh-Wetter in der ewigen Stadt. In diesem Sinne: Lasset die Spiele beginnen!

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Im Geschäft ums Geschäft

Die Saison 2016/2017 ist bislang eine ziemlich einmalige. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist  Unberechenbarkeit in die Bundesliga eingekehrt. Vor allem in jenen tabellarischen Gefilden, die sonst tatsächlich zementiert waren. Hinter Bayern München, das für Eintracht Frankfurt endlich mal zur genau richtigen Zeit im Spielplan kam, sortieren sich derzeit reihenweise Mittelklassemannschaften ein. Und das sorgt für das Kuriosum, dass die SGE  nur eines von vielen Überraschungsteams, und dabei nicht mal das Beste ist. Köln, Berlin, letztlich auch SAP Hoppenheim und RotBrause Läipzsch stehen Frankfurts Nimbus in nichts nach, ihnen gelang eben jeweils dieser eine Erfolg mehr, den die Eintracht gegen Darmstadt 98 auf dem Silbertablett serviert bekam und liegen lies.

Frankfurt war, und das ist das Bemerkenswerte, in dieser Saison jedenfalls keinem Gegner unterlegen, am ehesten noch dem SC Freiburg – einem Team, das man – einen Rang hinter der SGE postiert – getrost in die Liste der tabellarischen Überraschungsteams aufnehmen kann. Man möge aber nur mal die besgaten drei Pflichtpunkte gegen Darmstadt hinzurechnen … wo die SGE dann stünde! Man wäre tatsächlich „Bayernjäger, so absurd das klingt. Konjunktive, klar. Doch diese drei (Theorie)Punkte mehr spiegeln die Leistungsfähigkeit dieser Mannschaft wieder; sie rangiert auf Augenhöhe mit den in der Spitze überaus konkurrenzfähigen Kölnern und Berlinern, die ja weitaus mehr auf dem Radar der Fußballöffentlichkeit waren und sind als die nicht minder qualifizierte Eintracht.

Diese Spielzeit wird eine werden, in der wenige Blätter Papier zwischen lukrativem Champions-League- oder „zumindest“ Uefca-Platz auf der einen, oder eben nur warmen Worten für einen einstelligen Tabellenplatz auf der anderen Seite passen werden. Es ist eine dieser Spielzeiten, in denen man als Mittelklasseverein den Coup landen KANN, es dafür ein strukturelles, ein zeitliches Loch gibt. Ähnlich wie 2012: Wer von Beginn an oben mit dabei ist, der KANN aufgrund dieser seltsamen Dynamiken langfristig dort bleiben, verdaut Niederlagen im Nu und bleibt trotzdem weiter im Geschäft ums Geschäft. Und wer von Beginn an unten steht, bleibt in der Regel dort. Die andere, uns als Frankfurt-Fans weitaus vertrautere Dynamik.

Ärgerlich, dass es diese ganze Reihe an Überraschungsteams gibt – und mindestens zwei der vier schwächenden Großen werden ihren Dauersprint schon irgendwann anziehen und tabellarisch vorrücken. Trotzdem, und das ist der sicher auch im Geiste von Trainer Niko Kovac stehende Paradigmenwechsel, sollte man nicht auf die Konkurrenz um den Klassenerhaltskampf schauen (neben Hamburg, Ingolstadt, Darmstadt vor allem Augsburg und Bremen), sondern sich eben wohl an den Kontrahenten um die Ränge 6 bis 10 orientieren – also genau jenen seit Jahren als unerreichbar geltenden Kalibern á la Mönchengladbach, Mainz, (perspektivisch) Köln …

Und in dieser Aufzählung ist er ja schon zu finden, der nächste Bundesligagegner der Eintracht: der (Bayern-Bonusspiel außen vor gelassen) nach Hertha BSC Berlin zweite echte Prüfstein der Saison: Borussia Mönchengladbach. Nach dem Auswärtsspiel in Hamburg, an dem die Weichen für die Saison im Sinne eines In-diesem-Jahr-gibts-keinen-Überlebenskampf gestellt worden sind, steht nun ein Auswärtsauftritt an, der über die Legitimation gewisser sportlicher … Tagträumereien … entscheidet. Nimmt die Eintracht in Mönchengladbach drei Punkte mit, wird man sie auf dem Zettel im Kampf um die Europapokalplätze haben müssen. Besteht sie mit einem Zähler, ändert das an dem Befund nicht viel: die SGE wird wenigstens in der Hinrunde bei der Musikkapelle rund um das erste Tabellendrittel mitmachen. Verliert sie, wäre es nur dann stimmungstrübend, wenn unter der Woche gegen Ingolstadt im DFB-Pokal ausgeschieden worden wäre.

Stimmt die Einstellung, wird auch das Ergebnis stimmen. Gilt für das Pokalspiel noch mehr als für die Bundesligapartie. Viel Spaß noch beim Entspannen!

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Gefestigt Feste feiern

Souverän und seltsam sind die Attribute des SGE-Spiels in Hamburg. 30 Minuten meist hölzernes Gekicke, dann eine Mischung aus Geschick, Gespür und (erarbeitetes/erzwungenes) Glück, was wiederum durch überlegte Dominanz und spätestens seit dem HSV-Platzverweis sogar von Einbahnstraßenfußball abgelöst wurde. Ein nie gefährdeter, früh eingetüteter Sieg. Fußend auf einem Plan, auf einer Idee, wie man das Spiel insgesamt angehen wollte. Mehr noch: Konzentration und Körperspannung waren da; und Torgefahr sogar ohne Alexander Meier in der Startelf. Und wieso (gelingt) das alles? Ambition, vorgelebt/artikuliert und praktisch umgesetzt von/durch Trainer Niko Kovac – dieser Mann ist in vielerlei Hinsicht einfach ein Glücksfall für Eintracht Frankfurt. Für dessen Verbleib sollten sie die kritisierte Infrastruktur nicht nur verbessern, sie sollten ihn fragen,wie er sie haben mag, er soll sie am besten gleich selbst planen und errichten. Kann der Mann bestimmt auch.

Dabei musste man sich rund 30 Minuten lang fragen, ob es eine gute Idee von eben jenem Trainer war, das Team neben den (spürbaren) Ausfällen von Rebic und vor allem Huszti auch noch im Sturm (Hrgota für Meier) umzustellen. Rotation? Das Vercoachen-Szenario erschien am Horizont. Der Qualitätsverlust war nämlich zumindest in weiten Teilen der ersten Halbzeit sichtbar, das Mittelfeld kam praktisch nicht vor, David Abraham baute zudem gleich drei Stellungsfehler ins Abwehrspiel ein (einmal vergibt Nicolai Müller in Mädcheninternat-Manier) – aber vor allem Shani Tarashaj war der vermutete Fremdkörper. An dem Gesamtbefund zu seiner Leistung ändert auch sein technisch hervoragend erzieltes Vorentscheidungs-Tor zum 2:0 nichts (die Schwalbe kehren wir mal unter den digitalen Teppich, sie war nicht spielentscheidend). Die Situation des Spiels war nämlich eine andere. Sie ist verbunden mit Jesus Vallejo, der die Eintracht mit einem Mega-Sprint vor dem 1:1 bewahrte. Als die Viererkette viel zu hoch stand und der Steilpass auf den Hamburger Offensiven gespielt wurde, machte dieser sich alleine auf die Reise in Richtung beschäftigungsloser Finnen-Spinne. Vallejo holte pro Schritt gefühlt einen Meter auf, stellten den HSVler und klärte den Ball 14 Meter vor dem Tor.

Zurück zur Spielstruktur: Dem bemühten, aber meist blassen Mijat Gacinovic gelang durch eine vorbildliche Galligkeit die Balleroberung, die zum Führungstreffer führte. Eine starke Konterkombination, die – wenn auch wesentlich weiter vorne als gedacht – genau dem entsprochen haben dürfte, was Kovac sich an Spielweise bis dahin ausgedacht hatte.Was sich als zögerlich und Rückfall in die Auswärtslethargie darstellte, entpuppte sich als funktional, probat und schlicht die richtige Taktik gegen einen ebenso überraschend wie entsetzlich schwachen Gegner. Hamburg, das muss man so klar festhalten, befindet sich auf dem Niveau von Darmstadt 98. Und wenn man damals (zurecht) analysierte, dass Darmstadt so kein Spiel mehr gewinnen wird, muss das auch für den HSV gesagt werden. Unterschied in Bezug auf die SGE: Diesmal schaltete man früher einen Gang hoch, spielte wesentlich zwingender, zielstrebiger und wuchtiger samt Torerfolg(en) – womit man auch eine Bogenlampe aus 1000 Metern ins eigene Gehäuse hätte verkraften können.

Doch erst als Marco Fabian – der in der Folge wieder mal das Schwungrad drehte und zwei Tore vorbereitete – zentraler und offensiver rückte, was zu Beginn der zweiten Halbzeit der Fall war, kam die Eintracht in diese zwingendere, aktivere Spielweise. Kurios: Die SGE agierte zwischen der 45 und 60. Minute mit einer Fünferkette, es schien, als ob man den HSV durch ein tiefes Stehen noch mehr ins Vorwärtsspiel provozieren wollte, um den nächsten schnell ausgespielten Gegenzug zu setzen. Die Hamburger taten der Eintracht dann den langfristigen Gefallen eines Platzverweises, obwohl die Heimmannschaft kurzfristig sogar besser agierte, auf anderem Niveaulevel fast eine Trotzreaktion zeigte wie die SGE vergangene Woche gegen Bayern München. Zum Glück verpuffte das nach wenigen Minuten, maßgeblich durch den Knockout-Treffer zum 2:0. Nach einer Stunde war das Spiel entschieden, Entspannung als Eintracht-Fan – wie lange ist das her?! Dass dann noch Haris Seferovic, der seine erste Großchance gewohnt gekonnt vergab, das 3:0 erzielt, darf der HSV als Höchststrafe empfinden. Mal sehen, ob das irgendetwas mit dem floskelhaften Knoten macht. Wahrscheinlich schon gegen Ingolstadt im Pokal, werden wir das, werden wir die Schweiz-Schrotflinte länger auf dem Feld sehen. Randnotiz in der Offensive: Branimir Hrgota hing erst durch, schaltete vor dem 1:0 schnell samt blitzsauberer Hereingabe und wurde in der Folge auch als Anspielstation immer besser. Bei dem Schweden ist der Wert zu erkennen, den er mittel- bis langfristig haben wird.

Eintracht Frankfurt insgesamt hat jedenfalls die Weichen für diese Saison gestellt. Eine gefestigte, fußballerisch fähige und planvoll agierende Mannschaft ist da beisammen. Das kann, das wird nur zu einem guten Ende führen. Wie gut gut ist, wird man natürlich erst im Frühjahr 2017 anhand der Tabelle sehen. Aber diese Spieler haben allemal das Zeug dazu, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Sprich, sich in einer Tabellenregion aufzuhalten in der die Punktabstände traditionell gering sind und wo Rang 6 ebenso schnell erreicht werden kann wie Rang 9 oder 10. Diese Spannweite wäre weit über der jahrelang demütig zu ertragenen Zielsetzung, irgendetwas zwischen Mausgrau und Geradeso-Klassenerhalt zu schaffen.
Nein Leute, 2016/2017 wird es nach hinten entspannt und nach vorne möglich. Weil man diesmal will, obwohl man vorher schon konnte.

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Ein Brett

Abgeschrieben von den Abschreibern des Hessischen Rundfunks:

Niko Kovac hat sich bitterlich über die Infrastruktur bei Eintracht Frankfurt beklagt. „Man erwartet von uns Erstliga-Fußball mit Zweitliga-Bedingungen“, sagte der Coach am Donnerstag. Das sei alles nicht bundesligatauglich, bemängelte er die Trainings- und Arbeitsbedingungen. „Unsere Jugendlichen im Riederwald sind viel besser dran“, so Kovac über das Nachwuchsleistungszentrum. Die Profis trainieren rund um die Arena. Er wolle dies nicht dramatisieren, meinte aber: „Es ist nicht gut. Doch: Es ist schrecklich.“ Kovac macht die Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrages auch von der Infrastruktur abhängig.

Das ist mal eine Keule von Coach Kovac. Wobei mir nicht ganz schlüssig ist, was er meint. Jahrelang galt doch die Jugend als Pflegefall (vom Output her ist sie das ja weiterhin, trotz Leistungszentrum). Abgesehen von der Nicht-Eigentümerschaft des Stadions und gelegentlichen Veranstaltungen samt Rasenverlegungen da drin, erscheint mir die Infrastruktur rund um das Stadion so schlecht nicht. Und mittlerweile wird ja die Öffentlichkeit konsequent ausgesperrt – „stören“ kann da also weder ein böser Medienschaffender noch ein gerne geschröpfter Fan.

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