Kovac ist kroatisch für König

Seit einiger Zeit stehe ich als Blogger bekanntlich mit an der Spitze all der bösen, weil angeblich absurd erwartungsschwangeren Menschen aus dem Umfeld Eintracht Frankfurts, die von Team und Klub Leistung, wenigstens ein Ende des Dauer-Underperformings einfordern. Bin jemand, der einen konsequenten Paradigmenwechsel in finanzieller Handlungsweise und sportlicher Bewertung des a) (Spiel)Tagesgeschäft sowie b) saisonaler Zielsetzung verlangt. Ambition ist das für diesen Kurs seit geraumer Zeit gebrauchte Schlüsselwort.

Welchem transzendentalen Geschichts- oder Geschichtenschreiber im Weltuniversum es auch immer zu verdanken ist, dass sich einiges in diese Richtung bewegt: Die Einführung der Person, des Charakters Niko Kovac in die never-ending-story der Satuiertheits-Gemeinschaft-Eintracht, ist eine Wende, entpuptt sich als der dringend benötigte Glücksfall für Verein, Mannschaft und Umfeld. Ein Trainer, der auch Tage nach einer Niederlage nicht die auch in Fankreisen seit Jahren gebräuchlichte Haltung „Schwamm-drüber-dann-schlagen-wir-eben-den-nächsten-Gegner“ bemüht, sondern der das Gegenteil vorlebt: Der mit öffentlichter Kritik, wiederholter Schelte, zur Schau gestellter Säuernis zeigt, dass er mit dem im Einzelspiel wie Saison Erreichten nicht zufrieden ist. Welch Impuls! Welch Neuerung! Welch wohltuende Abgrenzung zur Fuktionärsriege der Gesundbeter und Schönredner!

Kovac treibt diesen trägenden Tanker an, auf eine andere, leiser wirkende, aber nicht minder effektive Weise wie Armin Veh das in seiner ersten Amtszeit tat. Dieser Klub samt seiner lahmen Funktionäre braucht das, einen Trainer, der durch seine Worte und Taten alles und jeden infiziert. Auch die Fans brauchen das. Ihnen könnte Kovac, im Stile eines Exorzisten das Gift, diesen jahrelang intravenös und durch beständie Wiederholung eingeflößten Cocktail aus Zufriedenheit, Unterwürfigkeit und Lethargie, die „bitte, bitte liebes Fußballroulette-Rad, lass es 2,3 andere treffen, egal wie mies die SGE kickt, wir erfreuen uns am Selbstzweckdasein in Liga1-„-Haltung aussaugen.

Als Spieler ließ Kovac sich von Ambitionen leiten, als Trainer setzt er das fort. Handwerklich, das erkennt man anhand der Vercoaching-Beispiele in den Partien gegen Bremen, Darmstadt und Freiburg, muss und wird er lernen. Das ist normal, niemandem, der erstmals in diesem Job arbeitet und kein Team hat dass sich qualitativ quasi von alleine aufstellt, würde das anders gehen. Viel wichtiger als der oft zu Herrschaftswissen und Hexenwerk stilisierte Hokuspokus um Trainingsinhalte, Taktik und das akippende-Neun, Doppel-Sechs, Raute-Kette-Verschiebe-Pressing-Umschalt-Gedöns, ist sowieso die Ausrichtung des Handelns an Ambition, das Vorleben dieser, die nimmermüde Motivation, mehr erreichen zu wollen, die Verfolgung des Leistungsgedankens im Leistungssport. Das gewährleistet Kovac, der Christoph-Daum-mäßigen „drittes Bein“ bzw. Balkangen-Analogie zum Trotz. Selbstverständlich? Gerade wir in Frankfurt sollten wissen, sollten gemerkt haben, dass das eben nicht selbstverständlich gewesen ist. Es stand, steht, fiel und fällt in Frankfurt alles mit dem Trainer. Ein Armutszeugnis für die Klubführung, fürwahr, aber ein Adel für die (wenigen) längerfristig erfolgreichen Coaches der Neuzeit: Friedhelm Funkel, Armin Veh in seiner ersten Amtszeit und – schon jetzt absehbar – Niko Kovac. Möge dieser Trainer Eintracht Frankfurt in einem Zeitrahmen erhalten bleiben, der zumindest irgendwo zwischen Veh 1.0 und Funkel liegt, denn dann könnte das auch gegen die Kruste in den Führungsetagen Wirkung entfalten.

Erstmal gilt aber die Bewältigung des Tagesgeschäfts. Und da bin ich sehr gespannt, wie Kovac Bayern München zu begegnen gedenkt. Köln zu kopieren, damit dürfte man schon alleine aus qualitativen Gründen nicht gut beraten sein. Meine persönliche Herangehensweise, die der gerade gepriesenen Ambitions-Attitüde aus Gründen der Rationalität, Logik und Cleverness entgegenläuft: Die B-Mannschaft auflaufen und zeitgleich, um den Spieltagestakt zu halten, die A-Elf ein Testspiel gegen irgendein Team aus Sonstwoherland spielen lassen. Ob man nun 0:1 oder 0:5 gegen Bayern München verliert, ist doch egal. Wenigstens aber schonte man Kraft und kassierte keine Karten oder Verletzungen in einem ohnehin verlorenen Spiel. Hamburger SV in der Folgewoche, da entscheidet sich die Hinrunden-Tendenz für die Eintracht.
Dass es letzlich in dieser Saison richtig brenzlig werden könnte, schließe ich übrigens bekanntermaßen aus (ausbleibende Langfrist-Verletzungen mal vorausgesetzt). Teil des Abstiegskampfs? Klar wird das so sein, aber den hat ja ab Rang 9 in der Bundesliga sowieso jeder. Kovac macht das schon. Und es wird besser enden als ein schnöder 13. Rang. Kovac macht das schon.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Kovac ist kroatisch für König

  1. F.N.

    Die SGE erreicht entweder einen Platz für Europa oder wird 13.!

  2. Letztes Jahr ist gegen die Bayern ein Punkt rausgesprungen. der war zwar rechnerisch nicht entscheidend, aber hat bestimmt auch im Gesamtkontext und der Aufholjagd eine Rolle gespielt. Also bitte nicht abschenken, die Bayern sind auch nicht unbesiegbar bzw. feststehende Gewinner.

    • Jermaine Jones Junior

      Die Bayern können zu keinem besseren Zeitpunkt kommen als jetzt. Ich wittere sogar einen Sieg, weil die Bayern selten so unsicher und nervös waren.
      Björn war in der Europa-League-Saison sogar der Meinung, wir sollten ähnlich wie der SC Freiburg damals die Europa-League-Spiele herschenken, damit wir uns auf den Bundesliga-Abstiegskampf konzentrieren könnten. Solch ein Top-Spiel gegen die Bayern aufzugeben wäre grotesk.

      • Richtig, gutes Erinnerungsvermögen! Und wir erinnern uns, wie eng die Kiste seinerzeit war. Bzw: Wäre man gegen Porto nicht rausgeflogen … ich will gar nicht dran denken O_O

        Chancen gegen Bayern? Kann man nach Niederlagen gegen Atletico und einem Punktverlust gegen starke Kölner meinetwegen erkennen wollen. Ich erkenne sie nicht. Aldiweil auch ein 0:1, erzielt in der 95. Minute per skandalösem Handelfmeter, eine Niederlage (unter vielen Opfern) wäre. Ginge das auf Kosten der Folgewoche (HSV), stünde die SGE ganz plötzlich doch wieder doof dar. Das würde ich zu vermeiden wissen. Aber was weiß ich schon? Ein Oka-Nikolov-0:0 kauf ich sofort, versteht sich.

      • Jermaine Jones Junior

        @ Björn. Ich erinnere mich auch deswegen noch so gut, weil du kürzlich gefragt hast, ob wir nicht auch manchmal von „mehr“ (Europa) träumten. Da fragte ich mich: „Wieso will er, dass wir wieder an den Europa-League-Spiel partizipieren, wenn er damals das Ausscheiden erhoffte?“
        Erstens, du musst wissen, was du willst.
        Zweitens, du hast aufmerksame Leser.
        😉

  3. EausO

    Der Begriff „abschenken“ klingt nicht nur fürchterlich – er ist es auch.

    NIEMAND sollte den Münchners die Punkte kampflos überlassen – das ist eine Frage der Sportlichkeit. Als Profispieler darf es kein „die sind aber sooo viel besser als wir“ geben. Nicht einen Millimeter.

    Ist das nicht eine der Lehren die man aus Freiburg, oder Darmstadt ziehen muss ?
    Der Aufsteiger/“sichere“ Absteiger vermöbelt den „klaren“ Favoriten.

    Vielleicht ist der Franzose in Frankfurt fällig – und plötzlich kippt das Spiel, Alles kann passieren – man muss es nur wollen.

  4. Jermaine Jones Junior

    Kovac bedeutet nicht König, sondern Schmied 😉 http://dehr.dict.cc/?s=kova%C4%8D
    Sinngemäß meinst du bestimmt aber, dass Kovac Eintracht Frankfurts Glückes Schmied ist.

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