Gefestigt Feste feiern

Souverän und seltsam sind die Attribute des SGE-Spiels in Hamburg. 30 Minuten meist hölzernes Gekicke, dann eine Mischung aus Geschick, Gespür und (erarbeitetes/erzwungenes) Glück, was wiederum durch überlegte Dominanz und spätestens seit dem HSV-Platzverweis sogar von Einbahnstraßenfußball abgelöst wurde. Ein nie gefährdeter, früh eingetüteter Sieg. Fußend auf einem Plan, auf einer Idee, wie man das Spiel insgesamt angehen wollte. Mehr noch: Konzentration und Körperspannung waren da; und Torgefahr sogar ohne Alexander Meier in der Startelf. Und wieso (gelingt) das alles? Ambition, vorgelebt/artikuliert und praktisch umgesetzt von/durch Trainer Niko Kovac – dieser Mann ist in vielerlei Hinsicht einfach ein Glücksfall für Eintracht Frankfurt. Für dessen Verbleib sollten sie die kritisierte Infrastruktur nicht nur verbessern, sie sollten ihn fragen,wie er sie haben mag, er soll sie am besten gleich selbst planen und errichten. Kann der Mann bestimmt auch.

Dabei musste man sich rund 30 Minuten lang fragen, ob es eine gute Idee von eben jenem Trainer war, das Team neben den (spürbaren) Ausfällen von Rebic und vor allem Huszti auch noch im Sturm (Hrgota für Meier) umzustellen. Rotation? Das Vercoachen-Szenario erschien am Horizont. Der Qualitätsverlust war nämlich zumindest in weiten Teilen der ersten Halbzeit sichtbar, das Mittelfeld kam praktisch nicht vor, David Abraham baute zudem gleich drei Stellungsfehler ins Abwehrspiel ein (einmal vergibt Nicolai Müller in Mädcheninternat-Manier) – aber vor allem Shani Tarashaj war der vermutete Fremdkörper. An dem Gesamtbefund zu seiner Leistung ändert auch sein technisch hervoragend erzieltes Vorentscheidungs-Tor zum 2:0 nichts (die Schwalbe kehren wir mal unter den digitalen Teppich, sie war nicht spielentscheidend). Die Situation des Spiels war nämlich eine andere. Sie ist verbunden mit Jesus Vallejo, der die Eintracht mit einem Mega-Sprint vor dem 1:1 bewahrte. Als die Viererkette viel zu hoch stand und der Steilpass auf den Hamburger Offensiven gespielt wurde, machte dieser sich alleine auf die Reise in Richtung beschäftigungsloser Finnen-Spinne. Vallejo holte pro Schritt gefühlt einen Meter auf, stellten den HSVler und klärte den Ball 14 Meter vor dem Tor.

Zurück zur Spielstruktur: Dem bemühten, aber meist blassen Mijat Gacinovic gelang durch eine vorbildliche Galligkeit die Balleroberung, die zum Führungstreffer führte. Eine starke Konterkombination, die – wenn auch wesentlich weiter vorne als gedacht – genau dem entsprochen haben dürfte, was Kovac sich an Spielweise bis dahin ausgedacht hatte.Was sich als zögerlich und Rückfall in die Auswärtslethargie darstellte, entpuppte sich als funktional, probat und schlicht die richtige Taktik gegen einen ebenso überraschend wie entsetzlich schwachen Gegner. Hamburg, das muss man so klar festhalten, befindet sich auf dem Niveau von Darmstadt 98. Und wenn man damals (zurecht) analysierte, dass Darmstadt so kein Spiel mehr gewinnen wird, muss das auch für den HSV gesagt werden. Unterschied in Bezug auf die SGE: Diesmal schaltete man früher einen Gang hoch, spielte wesentlich zwingender, zielstrebiger und wuchtiger samt Torerfolg(en) – womit man auch eine Bogenlampe aus 1000 Metern ins eigene Gehäuse hätte verkraften können.

Doch erst als Marco Fabian – der in der Folge wieder mal das Schwungrad drehte und zwei Tore vorbereitete – zentraler und offensiver rückte, was zu Beginn der zweiten Halbzeit der Fall war, kam die Eintracht in diese zwingendere, aktivere Spielweise. Kurios: Die SGE agierte zwischen der 45 und 60. Minute mit einer Fünferkette, es schien, als ob man den HSV durch ein tiefes Stehen noch mehr ins Vorwärtsspiel provozieren wollte, um den nächsten schnell ausgespielten Gegenzug zu setzen. Die Hamburger taten der Eintracht dann den langfristigen Gefallen eines Platzverweises, obwohl die Heimmannschaft kurzfristig sogar besser agierte, auf anderem Niveaulevel fast eine Trotzreaktion zeigte wie die SGE vergangene Woche gegen Bayern München. Zum Glück verpuffte das nach wenigen Minuten, maßgeblich durch den Knockout-Treffer zum 2:0. Nach einer Stunde war das Spiel entschieden, Entspannung als Eintracht-Fan – wie lange ist das her?! Dass dann noch Haris Seferovic, der seine erste Großchance gewohnt gekonnt vergab, das 3:0 erzielt, darf der HSV als Höchststrafe empfinden. Mal sehen, ob das irgendetwas mit dem floskelhaften Knoten macht. Wahrscheinlich schon gegen Ingolstadt im Pokal, werden wir das, werden wir die Schweiz-Schrotflinte länger auf dem Feld sehen. Randnotiz in der Offensive: Branimir Hrgota hing erst durch, schaltete vor dem 1:0 schnell samt blitzsauberer Hereingabe und wurde in der Folge auch als Anspielstation immer besser. Bei dem Schweden ist der Wert zu erkennen, den er mittel- bis langfristig haben wird.

Eintracht Frankfurt insgesamt hat jedenfalls die Weichen für diese Saison gestellt. Eine gefestigte, fußballerisch fähige und planvoll agierende Mannschaft ist da beisammen. Das kann, das wird nur zu einem guten Ende führen. Wie gut gut ist, wird man natürlich erst im Frühjahr 2017 anhand der Tabelle sehen. Aber diese Spieler haben allemal das Zeug dazu, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Sprich, sich in einer Tabellenregion aufzuhalten in der die Punktabstände traditionell gering sind und wo Rang 6 ebenso schnell erreicht werden kann wie Rang 9 oder 10. Diese Spannweite wäre weit über der jahrelang demütig zu ertragenen Zielsetzung, irgendetwas zwischen Mausgrau und Geradeso-Klassenerhalt zu schaffen.
Nein Leute, 2016/2017 wird es nach hinten entspannt und nach vorne möglich. Weil man diesmal will, obwohl man vorher schon konnte.

Advertisements

9 Kommentare

Eingeordnet unter Beiträge

9 Antworten zu “Gefestigt Feste feiern

  1. Deinemeine

    Nun gilt es, den Trainer langfristig zu binden. Ob das gelingt, steht in den Sternen. Ich hoffe, dass Kovac über seinen aktuellen Vertrag hinaus bleibt. Was dieser Mann aus der Mannschaft gemacht hat, hätte kein sogenannter Startrainer geschafft. Der Mann ist Gold wert! Ihn nicht zu halten, wäre fatal. Vereine wie Leverkusen oder Dortmund werden bei uns anklopfen. Das wird spätestens Mitte der Rückrunde der Fall sein. Einen Fabian werden wir wohl nur schwer halten können. Schade, dass wir Vallejo nur geliehen haben. Auch der Shahin wird noch richtig einschlagen. Da bin ich sicher. Wir werden noch viel Spaß haben; auch, wenn es zwischenzeitlich eine Flaute geben wird. Aber das wäre normal.

  2. F.N.

    Es war die richtige Idee, Meier auswärts zunächst zuschauen zu lassen . Dadurch wurde der HSV viel lauffreudiger unter Druck gesetzt. Ich hatte auch in den ersten 30 Minuten nie das Gefühl, dass der Abend unerfolgreich zu Ende gegen könnte. Die Eintracht kann zulegen, der HSV spielte von Beginn an an seinem Limit.
    So darf es nun bis Freitagabend weitergehen….

  3. TK Idstein

    Der HR schreibt:
    +++ Stadt sagt Eintracht Hilfe zu +++
    Nach der heftigen Kritik von Eintracht-Trainer Niko Kovac hat die Stadt Frankfurt ihre Hilfe angeboten. Kovac hatte die Infrastruktur am Stadion als nicht erstligareif gescholten. „Wir werden uns das gerne im Einzelnen ansehen und mithelfen, Lösungen zu finden“, sagte nun Frankfurts Sportdezernent Markus Frank (CDU) der Bild. Man spüre, dass beim Bundesligisten derzeit Aufbruchsstimmung herrscht. „Deshalb wollen wir den Trainer auch dabei unterstützen, dass Eintracht in Zukunft wieder einen europäischen Wettbewerb erreichen kann“, so Frank.

    Ich sage Verbr…. , Oportunisten, Kriegsgewinnler Pfui 😦

    • Koppweh

      Der Stadion Betreiber SFM Herr Mayer Gesellschaftsführer zitat.
      Das Stadion ist voll ausgelastet. Es gibt kein Platz mehr.

      Die Stadt Ffm zitat
      Wir gucken mal was machbar ist.

      Ergo
      Stellwände einreißen. ……
      HSG auslagern …….in Container

      unverkaufte VIP Logen vergünstigt abgeben an die Eintracht für Geschäftspersonal.

      Wo ein Wille ist da ist auch ein Weg.

      Mal sehen ob die Stadt Ffm den Arsch hoch kriegt.
      Ich bin gespannt!

  4. Koppweh

    Matchwinner Gacinovic. 21 Jahre

    und Matchretter Vallejo. 19 Jahre.

    Matchloser Holtby.

  5. Habe nur die 2. Halbzeit gesehen aber ich kann mich auch nicht mehr erinnern so ein entspanntes Spiel gesehen zu haben.

    Aber an diese gelben Trikots werde ich mich nicht gewöhnen. Was soll das?

  6. TK Idstein

    Aha geht doch 😉 … ich habe in dieser Saison das unbestimmte Gefühl das der gemeine Eintracht Fan eine Saison erleben wird, die er so – wenn überhaupt, schon seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Mer waas es net, mer waas es net…

Diskussion

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s