Trend zu Tabula rasa

In der aktuellen Bundesligasaison geschehen merkwürdige Dinge. Nicht nur das Abschneiden, die Art und Weise dessen, von Eintracht Frankfurt fällt in diese Kategorie. Abseits aller unmittelbar sportlicher Dinge wird reihenweise die Axt an Führungsriegen – über den einen oder anderen Cheftrainer hinausgehend – angelegt. Das mag beim Hamburger SV des 21. Jahrhunderts, dem Frankfurt der 1990er, die breite Beobachterschar wenig überraschen. Schaut man nach Darmstadt, Wolfsburg, nun auch Augsburg kann man da allerdings schon von einem Trend zu Tabula rasa sprechen – und in mindestens zwei der letztgenannten Fälle fußt die Rasur offenkundig auf tiefen atmosphärischen Störungen zwischen sportlichen Leitungen und Mannschaft. Jedenfalls hat dieser Faktor wohl eine jeweils nicht unentscheidende Rolle gespielt.

Das, was in Darmstadt nach der Meier- und Fach-Entlassung gesagt wurde, nun die Einlassung des FC Augsburg zur Entlassung des erst kurz tätigen ganzen Trainerstabs – immer wieder sind die Zwischentöne interessanter als die Hauptsätze. Schusters Rauswurft erinnert frappierend an jenen von Jörn Andersen bei Mainz 05 im Jahre des Herrn 2009. Damals argumentierte der FSV ähnlich wie der FCA heute, der „Ansatz“ des Trainers entspreche nicht den Vorstellungen Klubs. Das sind in beiden Fällen Entscheidungen, die mutig sind – und gleichsam von einem Sachverstand, einem Gespür und einem vorgegebenen Kurs, einer Vision von einem „großen Ganzen“ seitens der Klubführungen zeugen. Etwas also, dass in Frankfurt vielleicht jetzt, nach dem Ende der bleiernen letzten Bruchhagen-Jahre ebenfalls Einzug hält. Denn irgendwann wird auch das aktuelle Dauer-Sonnenbad vorbei sein, sich Schatten über die SGE legen. Hoffentlich keine gewohnt dauerhaften, aber wenn doch, wird auch, wird selbst Niko Kovac als Trainer – wenn er nicht im Falle eines Falls, was ich ihm und seinem ehrlich-uneitelen Charakter zutraue, selbst kündigt – nicht Herr über sein sportliches Schicksal sein. Dann ist es vor allem Fredi Bobic, der einem Lakmustest ausgesetzt ist.

Bevor all das irgendwann auf die Agenda rückt, steht für die Eintracht die Reise nach und das Spiel in Wolfsburg an. Eine Mannschaft, die zuletzt einem Torso glich, bei der ein Trainerwechsel keinen Ruck bewirkte und wo man davon ausgehen darf, dass auch die Klaus-Allofs-Entlassung keine plötzlich explodierenden Emotionen freisetzt. Dennoch: Das Gleichnis mit dem angeschlagenen Boxer ist auf den Volkswagenkonzernklub sicher angebracht, bei denen ist die individuelle Klasse -derzeit sediert – vorhaben, in einem Maße, dass sie selbst ein schlechtes Spiel erfolgreich beenden können. Da schießt ein Mario Gomez eben mal das eine nötige Tor, ein Julian Draxler läuft auf und ihm gelingt etwas von dem, was er prinzipiell kann. Wer weiß, ob die letzte Patrone Kurz-Trainingslager nicht zumindest für einen Mini-Sprint bis Weihnachten reicht? Und dann ist da ja die SGE-Geschichte des Aufbaugegner-Daseins. Eine Historie, die in dieser Saison gefühlt zum ersten Mal und sogar schon mehrfach nicht fortgeschrieben wurde. Hält die Ungeschlagen-Serie also auch in Süd-Niedersachsen?

Die Vorzeichen für die Eintracht stehen gut. Die schon angesprochene Form des Gegners, die ebenfalls thematisierte Unruhe – dazu vor allem aber Personalprobleme. Ricardo Rodriguez fällt aus, ebenso Marcel Schäfer. Daniel Didavi ist nicht dabei und nun ist auch noch Jakub Blaszczykowski zumindest erkrankt.
Defensiv entscheidend für die Eintracht wird sein, die gegnerischen Mittelfeldspieler Josua Guilavogui und Christian Träsch, der aber wohl auf die defensive Außebahn rückt in Zaum zu halten. Plus Marc Arnold, der wohl spielen wird. Der Schlüssel zum Erfolg für Frankfurt wird aber in der Offensive liegen, es gilt die Abwehr des Autotraditionsvereins zu beschäftigen. Dazu muss wieder ein wenig mehr Esprit in die Vorwärtsbewegung kommen als zuletzt, die zweite Halbzeit gegen Hoppenheim – dem nächsten Toptraditionsverein – sollte da als Vorbild dienen. Konkret: Makoto Hasebe als konservativ stehender Rechtsverteidiger mit dem nach vorne umso aktiveren Vordermann Ante Rebic, zentral Marco Fabian mit dem Sechser-Duo Omar Mascarell und Sczabolts Huszti hinter sich, links offensiv Mijat Gacinovic vor Bastian Oczipka, um quirligen Eins-gegen-Eins-Druck auf den womöglich spielenden unerfahrenen Jannes Horn auszuüben. Alexander Meier in der Spitze, alternativ eben Branimir Hrgota. Nur Haris Seferovic sollte besser wieder auf die Bank zurückkehren, gegebenenfalls im Laufe des Spiels eingewechselt werden.
Eine Anmerkung zur Rechtsverteidigerposition: Timothy Chandler wäre angesichts der Ausgangslage in dieser Partie dringend nötig gewesen, vielleicht sogar dringender noch als gegen Hoppenheim in der Vorwoche. Dennoch halte ich nichts davon, Jesus Vallejo auf die Außenverteidigerposition zu stellen. Innen war und ist er das Gold wert, das man schon glänzen gesehen hat. Plus: In den letzten beiden Spielen streute der junge Spanier erstmals Fehler in sein Spiel ein, vielleicht ein Zeichen für abnehmende Form – da wäre eine Umpositionierung doppelt unklug. Auf der anderen Seite könnte diesmal der kantige Michael Hector tatsächlich eine kluge Wahl sein, gegen den nicht minder wuchtigen Mario Gomez sind die „grazileren“ Innenverteidigertypen Vallejo und David Abraham vielleicht manches mal ähnlich unterlegen wie das gegen Augsburgs Raul Bobadilla in der Vergangenheit so oft der Fall war (selbst mit physisch robusteren Akteuren wie Marco Russ).

Das Luxusproblem der Eintracht, dass sie aufpassen muss nun hintenraus nicht zum Remis-König zu werden, sprach ich nach dem abgelaufenen Spiel bereits an. Damit will ich sagen: Um die Hinrunde nicht nur überaus zufriedenstellend, Dimensionen über Erwartung und Vorgabe, weitest möglich von den Abstiegsrängen entfernt zu beenden, sondern sogleich aus ambitionierter Position heraus in die Rückrunde bzw. den 17. Spieltag (vs. Brausekonzern) gehen zu können, würde die Schallmauer 30 Punkte eine famose Auslangslage bieten. 30 Punkte, problemlos gerne auch 29 würde aber auch bedeuten, in Golfstadt und zuhause gegen Mainz vier (drei) Punkte zu holen, sprich: „mindestens“ eines der beiden Spiele zu gewinnen. Die Logik der Dreipunktregel eben: lieber eines gewinnen und eines verlieren statt zwei unentschieden. Wobei: Dann wären es eben 28 Zähler – was ein Punkt mehr wäre als in der Schanden-Absturzsaison unter dem Trainerimitat.

Soll ich mich vor einem Spiel also ausnahmsweise mal zum Optimismus hinreißen lassen? Besser nicht. Maximal einen Punkt prognostiziere ich. Einfach, weil.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Trend zu Tabula rasa

  1. Koppweh

    Der Gacinovic Transfer stinkt

    Aussage KOPPWEH 17.11.2015 Beitrag 16
    http://www.sge4ever.de/die-schwere-suche-nach-einem-bruchhagen-nachfolger/

  2. Koppweh

    Ohhh der Björn hat hier durchgewischt. Mal sehen was Jermaine Jones
    Junior dazu sagt.
    Im Prinzip ist es mir egal Björn, ob du hier wichtige Erkenntnisse unterdrückst.
    Du hast unsere freihaltliche Grundordnung nicht verstanden.

  3. Zwei Dinge:
    – Marc Arnold spielt eine Stadt weiter auf der Positions des Sportdirektors 😉
    – Auch wenn Leipzig schwierig wird, darf man nicht vergessen, dass die Hinrunde erst im Januar zu Ende geht. Nach 16 Spielen in der Saison der Schande hatte die Eintracht 23 Punkte.

  4. Jermaine Jones Junior

    Eigentlich hast du schon alles geschrieben und beschrieben. Danke dafür.

    Wir profitieren zum ersten Mal von der Konstellation, die geprägt ist von genialer Arbeit (Kovac, Bobic, Hübner), struktureller Probleme einer Reihe konkurrierender Vereine und eben Glück. Selten wurden die vermeintlichen Top-Clubs so mundgerecht serviert wie in dieser laufenden Saison (Schalke, Leverkusen, Bayern, Wolfsburg).

    • F.N.

      Dann nehmen wir den Happen Wolfsburg und filetieren ihn mundgerecht…
      Unrealistisch sind 4 Punkte bis zum Jahreswechsel nicht, schade, dass das Spiel gegen RB erst im neuen Jahr stattfindet

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