Improvisation in Formkrisen-Zeiten

Nun ist es sicherlich unredlich, angesichts von (erstmals) zwei Niederlagen in Folge gegenüber Eintracht Frankfurt die Kritikkeule zu schwingen. Ebenso ist ein Abgesang auf den Europapokal verfrüht. Dass der Leistungs- und Ergebnisknick kommen wird, war zu erwarten. Dass das Glück, das der Spielplan für einen parat hielt und hält früher oder später enden würde, war zu befürchten. Dass die robuste Spielweise zu einer Sperrenflut führen würde, kündigte sich an; spätestens mit dem hochstilisierten Spiel gegen SAP-Heim. Dass die Gegner Mittel gegen die SGE-Spielweise finden würden, war eine Frage der Zeit.

Problematischer als die beiden Niederlagen – wobei man trotz einer gewissen Ähnlichkeit des Auftretens die Partie in Leverkusen unter dem DFB-Pokalspiel-Gesichtspunkt sehen muss – ist der Fall der Defensivbastion. Sowohl gegen Hannover als auch gegen Leverkusen und nun Ingolstadt – bereits gegen Mainz im Dezember – viele Torabschlüsse zugelassen, der Zugriff speziell auf flinke, wuselige Spieler wie sie Ingolstadt vorne hat, Leverkusen sowieso fällt dem Team sichtbar schwer(er) als zuletzt. Das Problem liegt nicht in der durchaus weniger sattelfest gewordenen Innenverteidigung, die nun auf Wochen personell geflickschustert werden muss, sondern vielmehr auf der 6 (Omar Mascarell sitzt seit der Foulspielhäufung in einem Formloch, Makoto Hasebe muss nach hinten wie vorne zu viel sauber regeln) als auch den Außenverteidigerpositionen. Speziell Timothy Chanlder wirkt momentan matt, platt, überspielt wie man so schön sagt. Auch Bastian Oczipka geht seit zwei Wochen die Wege nach vorne weitaus zurückhaltender, in Zweikämpfen sieht das ebenfalls gehemmter aus. Natürlich, mag man sagen, gerade die Außenverteidigeranforderung, permanent über den Platz zu wetzen, ist kraftraubend. Umso wichtiger ist es, dass Guillermo Varela und Taleb Tawatha endlich zu Entlastungsoptionen für ihre „Vorgesetzten“ werden. Und sei es nur für ein, zwei Spiele.

Zu dieser neuen Bestandsaufnahme gesellt sich die spielerische Ratlosigkeit, die eben keine Neuerung, kein aufgekommenes Phänomen aus den vergangenen zwei, drei Wochen ist. Diesen Mangel gibt es spätestens seit Ende November/Anfang Dezember, nur ließ er sich über die defensive Stabilität bemerkenswert gut und erfolgreich ausgleichen bzw. kam das  seinerzeit als Formdellchen Richtung Ende der Hinrunde zum Tragen. Mit dem verletzungsbedingten Wegfall von Marco Fabian und dem Verkauf von Johannes Flum und Szcabolts Huszti in der Winterpause bei gleichzeitigem Ausbleiben von sinnigen Ersatzverpflichtungen, schuf sich Eintracht Frankfurt die Probleme selbst bzw. manifestierte diese. Sehenden Auges riss man eine Lücke in einem einzigen, dem vielleicht neuralgischsten Mannschaftsteil. Im Grunde zeigt sich an dieser Stelle, wenn auch anders gelagert, die Fortsetzung vieler (Winterpausen)Personalfehleinschätzungen der vergangenen Jahre. Einst war es die Abwehr, die nicht verstärkt wurde. Nun geschah es auf der für den Spielaufbau entscheidenden Position.
Denn Pressing, frühes Draufgehen stellt das Team nun schon beim ersten, zweiten Pass vor kaum lösbare Aufgaben. Der lange Schlag hintenraus auf Alexander Meier, der dann irgendwie ablegen soll, ist angesichts der zentralen Personalsituation die einzige verbliebene Option. Das sah jedenfalls gegen Ingolstadt exakt so aus wie zur Trainerzeit von Thomas Schaaf.

Eine Kompensation an irgendeiner Stelle im Zentrum zeichnet sich naturgemäß nicht ab. Die Optionen, die Trainer Niko Kovac hat, beschränken sich auf die Außenbahnen. Der zunehmend zum Alleinunterhalter mutierende Ante Rebic könnte von Danny Blum, der den anderen Flügel vielleicht re-animieren kann, unterstützt werden. Der andere Unbekannte, Shani Tarashaj wird indes in dem Maße Dauer-Fremdkörper bleiben, wie Mijat Gacinovic Wackelkandidat war, ist und bleibt. Die Namen möglicher Erstaz-Außenverteidiger sind oben genannt.
Je nach (Verletzungs)Verfassung wird der Ruf nach Anderson Ordonez und sogar Marco Russ (U23 …) vernehmbarer werden, da die Aussicht mit Michael Hector plus Innenverteidigungs-Improvisations-Individuum eine üble ist. Tendenziell wird nun Timothy Chandler nach innen rücken, also jener Spieler, der weiter oben als matt, platt, überspielt eingeschätzt wurde. Dass Kovac tatsächlich auf Makoto Hasebe als IV setzt, ist hingegen höchst unwahrscheinlich – und das nicht nur aufgrund der Mascarell-Sperre und schieren Sechser-Not im Kader. Eventuell vertraut der Trainer auch Max Besuschkow als offensiv ausgerichteter Zentralmittelfeldspieler. Schwachbrüstiger als die zuletzt probierten Varianten könnte er auch nicht sein. Zuzutrauen ist Kovac auch, den jungen Furkan Zorba in die Innenverteidigung zu stellen. Immerhin ist der ein Positionsspezialist. Dass er gegebenenfalls neben Holz-Hector debütieren muss, ist natürlich bedauerlich. Aber denkbar.

In Berlin wäre es schon mit der nominell besten Elf happig geworden. Sollte es dem Team nicht gelingen, in Kopf wie Beinen enger zusammenzustsehen, ist auch dieses Spiel mit dem Anpfiff verloren, dann dürfte die Europapokalhoffnung tatsächlich fast frühstmöglich erlischen. Schafft man hingegen eben aufgrund der Gesamtumstände eine kollektive Trotzreaktion, lässt es die Kraft mancher Erschöpften zu und/oder gelingt den Neu-ins-Team-Kommenden das nötige Feuer bei sich und den Mitspielern (wieder) zu entfachen, ist die Partie gegen Heimmacht-Hertha nicht nur aufgrund der Tabellennachbarschaft natürlich völlig offen, ein Remis drin; ebenso bliebe man im Kampf um den realistisch erreichbaren Uefa-Cup-Futtertrog dabei. Die Hand mag sich verschlechtert haben, die Karten liegen aber noch lange nicht auf dem Tisch.

Nochmal: Eine nicht mehr als passable Halbserie, irgendwas um die 20 Punkte, muss man von jedem Team mit Nicht-Abstiegsambitionen – also auch der SGE – erwarten können/dürfen/sollen. An diesem Gesamtziel samt der sich dadurch auftuenden Perspektive ändert auch die ausgebliebenen Pflichtpunkte gegen Audistadt nichts. Man sollte nur aufhören, dieses Sich-Kleingemach-Geschwätz weiter so zu zelebrieren, wie man das zuletzt tat. Sonst wiegt man sich mal wieder selbst in den Schlaf.

 

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Improvisation in Formkrisen-Zeiten

  1. Olli

    Das werden interessante Aufstellungen die nächsten 2-3 Spiele. Wird Zeit, das Marc und Marco wieder fit werden …

  2. Mittlerweile sind fast so viele Spieler verletzt/ gesperrt wie noch einsatzbereite vorhanden sind.
    In Berlin muss man trotzdem nicht verlieren . Die Berliner können kein Spiel gestalten, man darf nur nicht in die Konter laufen. Hector gegen Ibisevic , vor diesem Duell wird es mir allerdings Angst und Bange. Ich würde Zorba einsetzen. Beluschkow und Hasebe dazu Rebic, Blum, hrogota und Gacinovic. Die jungen Wolf und Barkok als Alternative. Meier schonen für den DFB Pokal. Gegen Bielefeld müssen dann Tawatha, Varela und Tarashaj beweisen was geht.

  3. Jermaine Jones Junior

    Bastian Oczipka als IV und Tawatha als LA wäre auch eine Option gegen Hertha. Hector hat es bei mir übelst verscherzt.

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