Die Chris-Logik

Im Zuge von Pleitenserien, die Eintracht Frankfurt nicht nur gewohnt sondern auch wieder mal mitten drin ist, gibt es unter Fans den immerselben Reflex: Das Vertrauen und Verweisen darauf, dass all die Verletzten, die Gesperrten, die Rückkehrer die sportlich schwierige Situation verbessern werden.

Sinnbildlich für diese Denkweise steht Ex-Eintrachtspieler Chris, der über Jahre – vorzugsweise rund um die Winterpause – seitens Fans und Funktionären nach jeder neuen Langzeitverletzung als „gefühlter Neuzugang“ angepriesen wurde. Wenn der erstmal wieder dabei ist, dann Gnade den Gegnern Gott, dann geht es für Frankfurt aufwärts wie einst für die Apollomission gen Mond. Science fiction, das war es dann auch, in der Realität machten weder Chris noch andere Rekonvaleszenten den Unterschied.

Was logisch ist, denn jeder Fußballer, der mal verletzt war – und da rede ich nicht von Bänderdehnung oder noch so schmerzhafter Prellung – weiß, wie lange die Rückkehr an die Nähe der alten Leistungsfähigkeit dauert. Selbst banale Dinge wie Schrittfolgen, Stellungsspiel und Passhärte/Präzision sind nicht wie auf der Videospielkonsole im Nu wieder da, von der Psyche, der Schmerzerinnerung und der Zweikampfscheue, die kein Training ersetzt kann, ganz zu schweigen. Konkret: Wenn nun rund um die Eintracht nun auf Marco Fabian, Marco Russ oder gar Marc Stendera verweist, lügt man sich selbst etwas in die Tasche was die Prognose für die restliche Saison anbelangt (dazu unten mehr).

Dabei war, ist das Glück der Eintracht in einer Spielzeit nie so hold gewesen. Erst sorgt der Spielplan dafür, dass ein formschwacher Gegner nach dem nächsten vor die Frankfurter Flinte läuft, man selbst zudem in der Spur liegt. Dann gibt es im Pokal ein Leicht-Los nach dem nächsten. Und zu guter letzt findet in der Rückrunde tatsächlich nur ein einziger der abgehängten Großklubs das Gaspedal in Richtung Europapokalplätze (jenes Mönchengladbach das seinerzeit nach dem Fast-Abstieg europäisch spielte und seitdem zu Deutschlands Spitzenklubs zählt).

Wenn das Gleichnis mit dem Silbertablett und dem nur zugreifen müssen je gestimmt hat, dann ist das für Eintracht Frankfurt jetzt, 2016/2017 der Fall. Es ist eines dieser Jahre, wo die bekannten Größen des Geschäfts (sehr und dauerhaft) schwächeln und wo sich das Erfolgsfenster für die Mittelklasseteams öffnet. Umkehrschluss: Gelingt es der SGE diese Saison nicht hindurchzuklettern, gelingt ihr Europa auf viele Jahre nicht mehr. Das hängt mit dem im Sommer bevorstehenden Kaderumbau 2.0 zusammen, viel mehr aber noch mit dieser nicht noch einmal zeitgleich und dauerhaft auftretenden Dauerschwäche von den vier Europapokal-Dauerkarteninhabern Leverkusen, Gladbach, Schalke und Wolfsburg. Dazu wird es nicht abermals die Doublette eines wankelmütigen Dortmunds und ein nicht-astronomisches Bayern München geben, gegen die Spiele nicht von vorneherein verloren sind/waren.

Für eine einträchtliche Europapokalteilnahme hätte es so furchtbar viel ja gar nicht bedurft, vielleicht sogar so wenig wie selten zuvor. Nach einer Sahne-Hinrunde war die einzige Anfordeung die, eine schnöde Klassenerhalts-Halbserie zu spielen: 18,19,20 Punkte. Eine Zahl, die jedes Team das in der ersten Bundesliga bleiben will, je zwischen August und Dezember und zwischen Februar und Mai holen muss. Doch urplötzlich scheitert Frankfurt selbst an diesem Mindestanspruch. Aktuell kann man getrost von einem tabellarischen Absturz ausgehen, der es mit 2011 aufnehmen kann. Höchstwahrscheinlich wird dieser nicht im Tabellenkeller, gar mit dem Abstieg enden. Aber abermals acht, neun, zehn Ränge vom (spät)zwischenzeitichen Optimum zu verlieren (2011 stürzte man von Sieben auf 17) ist angesichts des anhaltenden Leistungseinbruchs keinesfalls ausgeschlossen.

Zwei alarmierende Zahlenvergleiche gefällig? Toremäßig war Eintracht Frankfurt, das nun bei 26 Treffern liegt, zuletzt 2003/2004, einer Abstiegssaison, mit 25 Toren so wie jetzt unterwegs. 2010/2011 , einer Abstiegssaison, erzielte man 24 der 31 Gesamttore in der Hinrunde; nach 23 Spieltagen waren es 24. In der Saison 2007/2008, einer Nicht-Abstiegssaison endend auf Rang 9, hatte man zum selben Zeitpunkt deckungsgleiche 26 Tore.
Auch was die Ausbeute des besten individuellen Torschützen angeht, deuten die Indizien eher auf eine Endplatzierung im zweistelligen Tabellenbereich der Bundesliga hin: Zuletzt wiesen zu diesem Zeitpunkt der Saison lediglich Ervin Skela (6 Tore in 2003/2004, am Ende schoss er 8 Tore, das Team wurde 17.) und Nikos Liberopoulos (5 Tore in 2008/2009, am Ende schoss er 9 Tore; das Team wurde 13.) als beste Torjäger die Trefferzahl auf, die der aktuell beste Frankfurter Torschütze (Alexander Meier, wieder mal) auf dem Konto hat.

Der Grund, wieso die SGE aller entwichenen Luft zum Trotz nicht total abstürzen wird, ist die Zahl der Gegentore, die Abwehr, die erst ein paar Spieltage nach der Offensive einbrach (und durch den Torwart wenigstens das Pokalspiel gerettet bekam). In den vier oben genannten Vergleichs-Spielzeiten kassierte die SGE bis Saisonende 53, 50, 49 bzw. 60 Gegentore. Derzeit steht Frankfurt bei 24, quasi ein Schnitt von einem Gegentor pro Spiel. In den genannten beiden Abstiegssaisons waren es am 23. Spieltag deren 34 bzw. 32, in den zwei oberes/unteres Mittelmaß-Spielzeiten waren 30 bzw. 37.
Auch bei einer verbrieften Niederlage gegen Bayern München am Wochenende mit mehr als einem Tor Unterschied, selbst bei einer 0:4, 0:5, 0:6 Klatsche in der Allianzarena, liegt man in dieser statistischen Kategorie noch unterhalb des Gefahrenbereichs.

Am Verlauf der nächsten Wochen, an der Gesamtprognose wird sich indes auch nichts ändern, wenn Stammspieler wie David Abraham und Jesus Vallejo – die einzigen, die quasi sofort wieder in Tritt kommen werden – in die Mannschaft zurückkehren. Denn auch die Spanischsprachler sind ja ins kollektive Loch mitgerissen worden, ihre Leistungen waren schon vor ihren Ausfällen merklich unterhalb des Hinrunden-Levels. Nur, wenn es Trainer Kovac gelingt eine Formel für das Fußballspielen wiederzufinden, also ein Offensivspiel zu etablieren, dass Torchancen herausarbeitet, kann die SGE die Kurve bekommen. Es wird aber ab sofort wieder so gemacht werden, wie immer in solchen Situationen, es wird eine Erinnerung an den Beginn der Kovsc-Amtszeit geben: hinten dicht und das beste hoffen. Die Kurve, zu was auch immer – erstmal nur zum Klassenerhalt, dem 36. Punkt – wird es krampfhaft zu bekommen gelten. Ernüchternd genug, wenn man nach mehr als der Hälfte der Saison 3. / 4. gewesen ist.

 

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Die Chris-Logik

  1. Der Norddeutsche

    Warum wird Flum häufig hervorgehobene? Kein Stammmspieler und wird nur sporadisch eingewechselt.
    Ich denke der Verein gefällt sich in der Rolle,wir haben kein Geld bzw. wir wollen können aber nicht.
    Was hat BMG was wir nicht haben?
    Siehe Freiburg! Nach jedem Niedergang kommen Sie zurück. Perfektes Scouting. Kleines Geld super Spieler. Der Grifo hat eine Saison vorgespielt, in der Nachbarschaft!
    Wo ist Super Ben, der viel gepriesene.
    Der HSV wir Gründe gehabt haben ihn ziehen zu lassen.
    Nicht nur der Verein ist launisch wie eine Diva, sondern auch wir Fans.
    Mittlerweile möchte ich das wir in Zukunft um Platz 9 mitspielen
    Lieber durchgehend Mittelmaß, ich meine den Saisonverlauf, als sich durch Höhenflüge euphorisiern zu lassen. Um dann durch den folgenden Absturz sich die Laune verderben zu lassen.
    Um sich emotional vom Verein zu lösen bedarf es bei mir Jahre des anhaltenden Misserfolges.
    Bis runter in die 3 Liga.

  2. Alex

    Ich gehe sogar noch weiter, stelle einen sehr hohen zweistelligen Tabellenplatz inklusive anhaltender Negativserie in Aussicht, in welcher sogar NK zur Debatte stehen wird.
    Schönes Blog-Thema: Verhältnis Leistung zu Wunschpunktestand (Veh machte dies einst vor),
    Oder Leistung zu Trainervertragsverlängerung..
    Ein Schelm..

  3. Serie hält: 1:2 im Testspiel beim Tabellenführer Hessenliga, und das obwohl Stendera wieder dabei war!!!!

  4. Stimme dir zu 99 Prozent zu, bin aber in Bezug auf die Endplatzierung deutlich skeptischer.
    Die Kaderplanung für die neue Saison muss schon auf Hochtouren laufen.
    Seferovic weg, Medojevic ausgemustert, tawashaj keine Hilfe, Hector auch nicht wirklich, Rebic vielleicht zu teuer. Varela, vallejo und Wolf ungewiss. Ersatz für Flum und Huszti erforderlich. Es gibt viel zu tun

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