Einträchtliche Entwöhnung

Als dann im Frühsommer 2016 auch faktisch die seit Monaten herrschende Machtlosigkeit des Heribert Bruchhagen vorüber war, wirkte das auf Eintracht Frankfurt wie eine Kur, wie ein Aufenthalt im Sanatorium: Das Sedativum der jahrelangen Predigten über Demut, Zement, das Gebeugtgehen schien im Nu von Vorstandsvorsitz-Nachfolger Fredi Bobic und Trainer Niko Kovac aus dem SGE-Körper gesaugt zu werden. Binnen Tagen änderte sich der Ton, die Herangehensweise an den Kern dessen, was die Eintracht Frankfurt AG für viele Millionen Euro Kosten (und fanbasierten Einnahmen) so tut: Leistungssport/Profifußball betreiben.
Das fruchtete. Die Mannschaft, deren kaum verändertes Stammpersonal fast abgestiegen wäre, häutete sich ganz offenkundig schon alleine durch die ambitionierte Ansprache des Trainers. Denn vormachen muss man sich nichts: Auch Bayerns Carlo Ancelotti oder Manchesters Guardiola lassen keine hexengleichen Dinge üben, bei den Inhalten macht ein Kovac nichts diametral entgegengesetztes zu dem, was andere Berufskollegen so tun. Es war, ist und bleibt letztlich Fußball.

Mittlerweile wird aber genau das kaum mehr getan, Fußball gespielt. Das, was Eintracht Frankfurt zwischen August und Dezember auszeichnete, ist zu etwas verkommen, das bisweilen an Kick-and-Rush, oft genug an Bolzen erinnert. Die Zahl der langen Schläge, mal über 25, mal über 50 Meter, wahlweise zentral oder diagonal, hat in der Rückrunde sichtbar zugenommen, in dem Maße, wie das vormals praktizierte Kurzpassspiel abnahm. Nicht nur vom dauer-überforderten Michael Hector, der unglückseligerweise zum Stammspieler gezufallt wurde, auch von Spielern, die es in jüngster Vergangenheit ganz anders, nämlich und kurz und knackig gezeigt haben. Selbst Torwart Lukas Hradecky, der in der Hinrunde endlich wieder die schnellen Abwürfe aus seiner Anfangszeit in Frankfurt praktizierte, hat davon wieder Abstand genommen und bläst das Leder lieber per Vollspann nach vorne. Dorthin, wo dann auch Gott nicht mehr helfen darf, jedenfalls nicht der Frankfurter Fußballgott. Schon der Mix: Lange Schläge, aber ohne den körpergrößten Spieler im Kader als Anspielstation (Alexander Meier), belegt die Absurdität der aktuellen und anhaltenden Spielweise. Ein Auftreten, das gegen jedes Team gewählt wird, egal ob es presst, mauert oder – wie der Hamburger SV – schlicht fehlervermeidend kontrolliert. Dass es gegen Bayern München für 25, 30 Minuten hoffnungsnährend anders aussah, kann man sich bei Studium des nachfolgenden Käsekicks im Stadtwald nur mit einer Mischung aus bayerischer Total-Lustlosigkeit und hessischem „Mut der Verzweiflung“ erklären.

Es ist ja keineswegs so, dass die erfolgreichen Spiele in der Vorrunde einzig auf Spielglück fuß(t)en. Natürlich hätte das eine oder andere Spiel auch in die andere Richtung gehen können, aber alleine schon die defensive Stabilität sorgte dafür, dass kaum eine erfolgreich bestrittene Partie so völlig anders hätte laufen können – mit Ausnahme des Spiels gegen Mainz am 16. Spieltag, und da wankte das einträchtliche Gebilde bereits. Konkret: Beim Sieg gegen Leverkusen in der Hinrunde führte man 1:0, der Gegner glich aus, die SGE dann mit dem Siegtor. Zwischendurch Chancen auf Tore für beide Seiten, die Eintracht länger weitaus näher am 2:0 als Leverkusen am 1:1. Das 3:3-Unentschieden gegen Hertha in der Hinrunde: Vor dem späten Ausgleich durch Hector führte man bereits 2:1 zur Halbzeit. Beim Remis gegen Bayern war München weitaus näher an der Niederlage als die SGE, den zweimaligen Rückständen zum Trotz. Die Siege gegen Ingolstadt und Hamburg waren ungefährdet, auch der Auftakterfolg gegen Schalke war außerhalb des Ergebnisses nicht wirklich knapp. Gegen den FC Köln, dieses Spiel hätte angesichts der zweiten Halbzeit tatsächlich auch anders als 2:1 pro Eintracht ausgehen können. Der Dreier gegen Dortmund war sicher glücklicker, einen Punkt hätte es aber auch dort „so oder so“ gegeben. Bleibt das Darmstadtspiel, das anders hätte ausgehen können/müssen – allerdings im Sinne Frankfurts.

Was auch immer im Wintertrainingslager in der Wüste geübt wurde, es ist nicht verfangen, es gab keine Entwicklung – es war offenbar schlicht der komplett falsche Inhalt. Wiederholt wird, neben den regelmässigen (Nicht)Toptrainingslagern samt Rückrundeneinbruch auch der Fehler, den torgefährlichsten Spieler der Mannschaft faktisch auszumustern. Kovac gab und gibt den Schaaf, dafür bekommt er, das Team, der Verein die Quittung. In Form eines tabellarischen Absturzes, der im puncto Umfang an 2011 herankommen dürfte, wenn in den nächsten drei Spielen nicht vier Punkte geholt und generell mal wieder so etwas wie Fußball gespielt wird. Ziel: Stabilisierung im einstelligen Tabellenbereich. Wenigstens das. Denn im Gegensatz zu so manchen Ansichten, ist ein Abschneiden auf 9,10,11 nicht der Erfolg, zu dem er schon jetzt pro-aktiv gemacht werden soll. Der Maßstab kann nach einer Hinrunde, die sportlich, spielerisch wie von der Punktausbeute top war, doch nicht ernsthaft die vorherige Saison sein. Ein halbes Jahr lang beweist man, dass man zu den drei, vier Besten der Bundesliga gehört; mit gehörigem Abstand auf das Verfolgerfeld. Die Geschichte der Bundesliga belegt, dass solch erfolgreiche Halbserien im Regelfall zur Europapokalqualifikation führ(t)en. Die Überraschung über diese sich ankündigende eigene Sensation taugt doch nie und nimmer als Argumente dafür, dass ein Ausbleiben eben dieser Sensation samt Abrutschen auf irgendeinen Mittelfeldrang zum Erfolg gedichtet werden kann.

Die Verletzungen können jedenfalls nur bedingt als Grund für die Entwöhnung von jedweden fussballerischen Elementen herangezogen werden. Unbestreitbar reißt der Ausfall von einem Stammspieler bei einem Team der Mittelklasse (und entgegen aller wiedergekehrten bruchhagenschen Demuts-Fürbitten ist Eintracht Frankfurt beim Blick auf den Spieleretat genau das und hat eben kein Klassenkampfkader) eine größtere und sichtbarere Lücke als bei München, Dortmund, Mönchengladbach, Leverkusen, Schalke … geschenkt. Dass jedoch die komplette Spielweise einbricht, das irgendwelche Ideen zum erfolgreichen Bestreiten eines Duelles praktisch nicht mehr sichtbar sind, sobald ein, zwei Häufig-Spieler – zumal solche, die für die spielerischen Lösungen in des Gegners Hälfte nicht wirklich zentral sind – nicht dabei sind, ist keineswegs normal.
Zu allem Überfluss sieht der Trainer noch Argumente, eine Legitimation für die faktische Ausmusterung Meiers, begründet das mit einer anderen offensiven Spielweise. Natürlich ist das vorgeschoben, platt regelrecht, denn zum einen ähnelt Branimir Hrgota – der Meier perspektivisch tatsächlich wird ersetzen können – Meier in mancherlei Hinsicht sehr, zum anderen sieht ein Blinder, dass dieses angebliche neue Offensivkonzept das Gegenteil von wirksam ist. Aller Abschottung des Trainings, aller Wagenburgmentalität zum Trotz, sei angemerkt. Kovac macht da Kokolores, das ist auch so ein Mosaik im der Fehler/Fehlenzscheidungs-Gesamtheit der vergangenen Monate. Der Trainer selbst steht nun an einem Scheideweg. Er hat sich ohne Not von der Angst vor der eigenen Courage einholen lassen. Mal wieder entwickeln sich die formulierten 40 Punkte als Hemmschwelle; wie im Vorfeld der 2013er-Uefa-Cup-Qualifikation, nur mit mehr zwischenzeitlich erreichten Punkten. Die Eintracht steckt mittendrin in der zwar erwarteten, aber doch doppelt so lang wie angenommenen andauernden Krise. Eine Krise, die nicht nur eine der Ergebnisse ist. Kovac wird gegen Mönchengladbach und Köln, zwei direkte Konkurrenten um Rang 7, gelingen müssen, was zwei Spielmonate lang nicht gelang: Torchancen erareiten, Tore schießen, mindestens in einem der beiden Spiele dreifach punkten. Dann lebt sie trotz des vergeigten Riesenvorsprungs, der Traum von Europa. Werder Bremen muss man in der Folgewoche so oder so schlagen, egal ob man weiter nur die 40-Punkte-Marke oder höhere Weihen anstrebt.

Kann übrigens jemand mit dem Namen Anderson Ordonez was anfangen? Den soll es angeblich geben, ein Schelm wer über die banale Verletzung bzw. Vorschädigung böses denkt. Pirmin Schwegler, der sich dem „spannenden Projekt“ SAP anschloss, wird ja aber nun auch tatsächlich zurückgerüchtet. Es muss Mächte in diesem Verein geben, dunkle Mächte, die wirklich jedwede Veränderung verhindern. Rückholaktion, Akte die 3424. „Zeig ihn mir, den ausgetretenen Pfad, auf diesem will ich wandeln.“ (Psalm 1899, Eintracht Frankfurt)

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Einträchtliche Entwöhnung

  1. Hagnum

    Moin!

    Ein 0:1 gegen einen mittelmäßigen unterfränkischen Zweitligisten kann

    man durchaus als Indiz werten, oder Fingerzeig, wie Berti Vogts es gerne
    formulierte.Trotz der A-Jungendlastigkeit der Mannschaft.

    Wenn man sich die ausstehenden Partien anschaut , zuzüglich des körnerverzehrenden Pokalhalbfinals, und die sich auflösende Spielstruktur der Eintracht zugrunde legt, kann man feststellen, daß das Negativereignis Relegation immer noch zu Erreichen ist.

    Vielleicht erst am letzten Spieltag, wenn der HSV auf Wolfsburg trifft,
    und die Eintracht Leipzig empfängt.

    Mir scheint, bei all den Äußerungen die von der Eintracht zu Hören sind,
    daß der bedrohliche Ernst der Lage nicht allen Verantwortlichen klar ist.

    Schönen Sonntag

  2. Bei FT gibt es fakenews: Bayern und Barca an Mascarell interessiert….

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