Der Verantwortliche

Er tanzt und tanzt und tanzt.  Zur Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“, und weil niemand im Klubhaus in der Lage ist die Musik abzustellen, tanzt er weiter, immer weiter. Bruno Hübner, der Sportdirektor von Eintracht Frankfurt, war, ist und bleibt im Amt. Teflonartig perlt jede Kritik an ihm ab, schlimmer noch:  Sie gelangt erst gar nicht an ihn heran. Wie immer in der Vergangenheit steht auch jetzt, da man sich wie so oft im Tal der Tränen wiederfindet, der Trainer im Fokus.

Zweifellos hat Niko Kovac Fehler gemacht, gravierende sogar, und macht sie weiterhin. Er pflegt seit geraumer Zeit eine kuriose Austellungspolitik, die oft im Karussell „Startelf-Tribüne-Bank-Startelf“ gipfelte. Er kurbelt Scheindebatten zu Schiedsrichterleistung oder Pech/Glück an, bemüht Durchhalteparolen, findet überhaupt keinen Hebel für Veränderungen. Kovac hat die Spieler zudem mental ausgezehrt, die Dauerverpflichtung von „Anweseheit auf dem Trainingsgelände von morgens bis nachmittags“ samt Abschottung von der Öffentlichkeit  (etwas, dessen Sinn Alexander Meier früh infrage stellte und wofür er dem Vernehmen nach gestutzt wurde) schadet offensichtlich mehr als dass es nützt. Zumindest ist der Zenit dieses Ansatzes lange überschritten. Nimmt man Timothy Chanlder und Bastian Oczipka raus, kann diese Mannschaft körperlich nicht ausgelaugt sein, dafür ist die Spielbelastung viel zu gering (Mainz bspw. spielte immerhin ein paar Mal international) – aufgewogen wird das höchstenst durch ein eventuell nicht sinnvoll gesteuertes Training, eines, das entgegen der Verwissenschaftlichung gegenteilige Effekte (zu hohe, ermüdende Belastung) hätte. Das sind nicht mal Neuigkeiten, einiges wurde hier und anderswo schon vor Monaten angemerkt. Das Problem: es ist weiterhin der Status quo, die Zahlen (Rückrundentabelle, Siege/Tore/Gegentore etc) sind bekannt. Das wiederum führt zur logischen Konsequenz, dass Kovac natürlich schon länger nicht mehr Trainer wäre, wenn in der Hinrude auch nur ein Sieg weniger eingefahren worden wäre.

Zurück zum übergeordneten Problem, dem Tanz-Bären, zurück zu Bruno Hübner: Einen Transferflopp nach dem nächsten legt er aufs Parkett, nach der Erfolgswelle Aigner/Trapp/Zambrano/mit Abstrichen Inui kam bis auf vereinzelte, punktuellste Verstärkungen praktisch nichts mehr, das als sportlich voranbringend klassifiziert werden könnte. David Abraham und Marco Fabian – und dahinter wird es ganz schnell ganz dünn.

Die vergangenen Transferperioden sind samt und sonders in den Sand gesetzt worden, da taugten viele Neuzugänge bestenfalls situativ, andere phasenweise, die meisten genügten nicht mal Bundesligaansprüchen. Im Grunde genommen ist für jene, die ohnehin schon seit Jahren die besten, die stabilsten Akteure waren, nicht mal im Ansatz Nachfolge erkennbar. Für Alexander Meier gilt das, aber ebenso für Bastian Oczipka, auch für Marco Russ, David Abdraham und Makoto Hasebe. Lediglich Branimir Hrgota wird das Zeug haben, Meiers Wegfall teil-kompensieren zu können. Doch weder Taleb Tawatha, noch Anderson Ordonez oder gar Michael Hector besitzen das Vermögen die oben genannten Spieler zu ersetzen. Im Mittelfeld, in der Zentrale und damit auf der neuralgischsten Position herrscht Total-Ebbe, da fehlte es in der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft an Qualität, zumal Hasebe eine andere Rolle anzunehmen scheint. Und so ist auf die Schnelle skizziert, welche Versäumnisse und Fehleinschätzungen bei Eintracht Frankfurt vorlagen und vorliegen. Dinge, die im Verantwortungsbereich des Sportdirektors liegen – heutzutage ist der Sportdirektor im Vergleich zum Trainer die wesentlich entscheidendere Position, an dieser Stelle entscheidet sich mindestens mittelfrisitg Wohl und Weh des Klubs. Doch in Frankfurt kennt man dank Hübner nur Weh. Sechs Jahre, das ist im Fußballgeschäft langfristig, aber mit Ausnahme der einen Attacken-Hinrunde unter Armin Veh (der Wiederaufstieg, machen wir uns nichts vor, MUSS ja Mininmalanspruch eines 35-Mio-Euro-Etats-Klubs sein) und dessen Wiederholung in 2016 ist nichts gelungen. Kein Schritt, keine Entwicklung, schon gar kein zählbarer sportlicher Erfolg.

Wie auch?  Der Minimalausgaben-Ansatz ist gescheitert, der Resterampen-Ansatz ist gescheitert, der Ansatz mit dem zusammengestückwerkten Internationalitäts-Ensemble ist gescheitert, die Jugendspielerintegration ist ebenfalls ein einziges Scheitern. Alles geht auf dasselbe Kernproblem zurück: Die Verweigerung Eintracht Frankfurts, das Geld auszugeben, das man nicht hat. Also das Gegenteil von dem zutun, dass ein Gros der Fußballvereine tut.Als ob irgendjemand auf nur einen Gedanken an Seriosität, an Wirtschaftlichkeit, an Kaufmannslehre verschwenden würde. Diese Tugenden bringen Eintracht Frankfurt, einen Klub mit einem Etat der weit über dem von anderen Profivereinen liegt, wohin genau? Rang 11? 12? 13? Immer mal wieder in die zweite oder erste Bundesliga? Bravo!
Mateschitz, Hopp, Kind, Kühne, Daimer/Porsche … die zetreten die Kirchenmaus ohne dass es ihnen auffällt. Und der Kirchenmaus fällt es nicht auf, dass sie von denen non chalant zertreten wird – das ist die eigentliche Peinlichkeit.

Stattdessen, back to Tagesgeschäft, knöpft man sich bei der SGE im Nachgang der nächsten Pleite ausgerechnet Ante Rebic vor. Den Spieler, der zehn Minuten spielte und der tatsächlich als einziger Offensiver in der „Rückrunde der Schande 2.0“ ein Mindestmaß an Leistung brachte, der aller Fehlerhaftigkeit wenigstens Schwung reinbringt, der die grauenvolle Statik auflöst. Wer sich angesichts dieser Fehleranalyse, dieser Konsequenzenableitung aus dem Gezeigten nicht sofort an den Kopf fassst, soll es hier kundtun.

Eintracht Frankfurt hat ein Kompetenzproblem, und zwar an entscheidenster Stelle. Seit Jahren. Und solange das nicht behoben ist, solange der verantwortliche Funktionär nicht faktisch entmachtet ist, wird sich bei der SGE nichts zum Guten entwickeln. Denn unabhängig vom Ausgang des DFB-Pokalspiels ist klar:  Schon jetzt, ein Jahr vor dem letzten Spieltag der Bundesligasaison 2017/2018 steuert Frankfurt auf den Abstieg zu. Man kann nur hoffen, nur beten, dass jetzt intern irgendwoher ein Leuchtturm, wenigstens ein Einäugiger auftaucht. Einer, der Fußball versteht und Einer, der versteht, dass man in der Regel für viel Geld viel Qualität bekommt – und für wenig Geld, wenig(er) Qualität. Was man aus dem Rohmaterial, aus den Ausgangsvoraussetzungen macht, das ist dann wiederum Aufgabe des Trainers. Scheitert der kolossal an der Input/Ouput-Rechnung, versucht sich der nächste daran. It is that simple.

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14 Kommentare

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14 Antworten zu “Der Verantwortliche

  1. Eintracht Fan_Hamburg

    …einer muss es ja mal fragen“…Wo sind eigentlich die Detari Millionen! ?“

    Spaß bei Seite! 😆 aber es wird sich nie mehr etwas ändern, da genau solche Schicksalsmomente, in denen man sein Glück besser in die Hand genommen hätte, vertan wurden, in einer Zeit in der sich die betonierte (JA!) Hierarchie erst noch herausgebildet hat. …oder man wartet eben alle 6-8 Jahre auf so’ne Saison wie Diese …Aber die lassen wir auch liegen. Das ist irgendwie wie in dem Film, in dem Tom Cruise in der Dauerschleife stirbt…

  2. Marcel

    Das einzige Kompetenzproblem hat der Insider höchstpersönlich.
    Die Saison ist erfolgreich! Das alle verantwortlichen Personen schärfstens in diesem Blog krittisiert werden und zum Teufel gewünscht werden sind wir gewohnt. Alledings zeugen die Hirngespinste des Schreibers von jeglicher Realitätsferne. Selbst der Obermiesmacher muss doch erkennen, dass lediglich die Verletzungsmisere eine bessere Platzierung verhindert hat.
    Auch der Verkauf von Huszti war richtig!
    Eigentlich ist jedes weitere Wort zu viel.
    Auf gehts nach Berlin!!!!

  3. Björn: die SGE steht auf der Sonnenseite: Platz 11 oder 12 bei der Zielsetzung Platz 15. 41 Punkte sind einer mehr als gewollt, dazu Pokalfinale. Da darf Bruno doch der Sonnenbank frönen…..
    Ansonsten siehe Kommentare des Vorjahres zu BH

  4. TK Idstein

    In Deinem Text findet sich eine Menge Emotion.
    Über den Totengräber von Taunusstein hatten wir im vergangenen Jahr schon zur Genüge Feststellungen getroffen. Warum sollte sich etwas in diesem Jahr geändert haben? Unter Armin Veh wurde die körperliche Fitness bemängelt, unter Kovac die mentale… das Ergebnis war (fast) das gleiche. Und ja, wenn ich als qualifizierter Arbeiter mit Jahresvertrag in einer Firma ohne Aussicht auf Festanstellung mein Dasein friste, werde ich mich mit dieser Firma nie wirklich identifizieren und eine entsprechende Leistung bringen.

  5. Jermaine Jones Junior

    @ Der Norddeutsche: Björn antwortete mir am 04. Januar 2017: „(…) Schwegler hingegen war, ist und bleibt Sechser, aber eben eher Typ Hasebe: Aufbauend, ordnend, Ruhe in den Aufbau reinbringend und Defensivzweikämpfe suchend. (…)“.
    Schwegler ist für mich der perfekte Back-Up für Hasebe, bei dem nicht absehbar ist, wann er wieder spielen kann. Zudem ist er ablösefrei.

  6. Stimme 100%. Hübner hätte im Laufe der Zeit Gelegenheit gehabt auch mal einen Coup zu landen. Es ist seine Mannschaft.
    Andere Mannschaften haben weniger Etat und schaffen es trotzdem immer wieder gute Spieler rauszubringen. Die verlieren sie zwar aber bekommen Ablöse. Das ist hier leider auch nicht der Fall.
    Alles in allem ist so eine Tabelle am Ender der Saison doch ein gutes Bild. In der Hinrunde war es zu gut und jetzt zu schlecht. Aber wesentlich mehr als 40 Punkte holt diese Mannschaft nicht und das ist die Verantwortung des Sportdirektors.

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