Muster mit viel Wert

Als ob die sportlich Verantwortlichen vorab ein Script geschrieben hätten, lenkt die neuerliche Entgleisung, die neuerliche Debatte rundum eine der assozialisten und kriminellsten Fanszenen Deutschlands – die von Eintracht Frankfurt – von den Leistungen, Missständen im fußballerischen Bereich ab. Dabei ist das, was in Madgeburg zu sehen gewesen ist, höchst brisant.

Denn mal wieder zeigt sich, dass die Eindrücke aus Testspielen eben doch ein Muster mit ziemlich viel Wert sind – jedenfalls dann, wenn man gewillt ist, genauer hinzuschauen. Nicht die Ergebnisse sind dann aufschlussreich, sondern die Mixtur aus Spielweise (auch der des Gegners, etwa dem körperlosen und trabenden Celta de Vigo) und die im Zuge dessen zu erkennenden Strukturen.  Kurzum: Wer in Tests langsam und ideenlos agiert, wird im Pflichtspiel nicht schnell und kreativ handeln. Das ist ja genau der Kern von Automatismen: Sie funktionieren immer bzw. sollen immer funktionieren. Wenn es aber keine Automatismen gibt, weil sie nicht trainiert werden, weil es den Drill nicht gibt, weil das Fußballspielen sekundär bis tertiär hinter Kraft, Kondition und Kaderzusammengewürfel folgte (was ja in den Berichten zur Saisonvorbereitung überliefert ist), sieht das eben so aus wie die SGE ihr Spiel in Magdeburg vorgetragen hat. Und weil das alles so ist, lassen sich natürlich auch Schlüsse und Ahnungen aus dem Pokalspiel in Richtung Bundesligasaison(start) ziehen bzw. ableiten.

Eine Fähigkeit, die im Kernaufgabenbereich von professionellen Trainern liegt, ist nicht nur, diese Dinge zu erkennen. Der Coach, in diesem Fall Niko Kovac, dürfte es eigentlich erst gar nicht zu solch einem spielerischen Kollaps kommen lassen.
Es stellt sich nämlich schon die Frage, wie es sein kann, dass der Erstligist dem Tabellen-Fünfzehnten (!) der 3. Liga nicht in einem spielerischen Aspekt überlegen war. Der Klassenunterschied ließ sich eher so erkennen, dass Magdeburg ein, zwei Ligen höher spielt als Eintracht Frankfurt. Das hat Gründe. Gründe, die über das abgedroschene „für die ists schon das Spiel des Jahres, für unsere das allererste ernste Spiel“ hinaus gehen. Wenn sie nicht im Training zu suchen sind, dann wohl bei den Spielern bzw. der Kaderzusammenstellung. Entweder was das grundsätzliche Personal angeht oder die (über Wochen verbummelte) Eingespieltheit. Denn eines dürfte ja auch dem letzten Optimisten klar sein: Es gab und gibt Mannschaften auf SGE-Augenhöhe, die ihre Gegner trotz Kaltstart, trotz neuer Spieler, trotz Eingespieltheit des Gegners und dessen Hoch-Motivation, einfach mal wegfiedeln oder eben souverän, kräfteschonend besiegen (Köln, Darmstadt, Hoppenheim bspw). Ein 4:0, 5:0, 6:0 ist nicht zu verlangen, das ist klar, aber Dominanz? Ich meine, ja, das darf man erwarten, wenn der Kaderwert 60,2 Mio. auf den Kaderwert 5,8 Mio. trifft. Dominanz zumindest in grundsätzlichen Dingen wie Passspiel und Spielstruktur, Geschwindigkeit und Präzision.

Trainer Kovac muss nun jedenfalls binnen einer Woche so viel Fußballerisches in dieses abermals hilflose Team bekommen, das man schlicht skeptisch sein muss, was den Saisonstart gegen Schalke angeht. Ein Remis errumpeln, das könnte ja drin sein. Spielerisch droht uns, nimmt man die Eindrücke aus dem Pokalspiel als Grundlage, eine frühe Renaissance des Schaaf-Fußballs mit Langholz als offensives Hauptstilmittel. Euphorie.

 

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Na, überrascht?

Alles, was und vor allem wie es in Magdeburg passiert ist – das Fast-Ausscheiden von Eintracht Frankfurt – zeichnete sich ab. Über Wochen. Vieles ist hier im Blog-Archiv nachlesbar.

Michael Hector beispielsweise, eine Art Symbol für die Wundertüten-Trabaferpolitik der SGE, ist wohl das erwartete Ärgernis. Ein Spieler, der gegen ein körperlos spielendes Celta Vigo, vor Langnese-Familienblock-Publikum, gut aussah, so, wie die meisten Landesligisten dort gut ausgesehen hätten  – Lobeshymnen folgten, Vergleiche mit Sotos Kyrgiakos. Und dann wird er duschen geschickt nach Duellen mit Drittligaspielern. Himmel!

Worte, darin ist man groß in Frankfurt. Auch der Trainer, der eben das erzählt was gerne gehört wird von Fans, aber Taten? Es ist den Spielern gegen einen 3.-Ligisten nicht mal über Kraft-/Konditionsvorteile – 2 Stunden Training, buhu! – Dominanz auszustrahlen. Das darf zu Denken geben. Es ist auch alarmierend, wenn der Trainer sagt, seine Warnungen „gehen da rein, dort wieder raus“, man habe den Gegner wohl „unterschätzt“. Wow. Da hat man sich offenbar eine richtige Supertruppe zusammen-gesöldnert, richtig für den Klub brennende Kicker.

Nein, niemand muss einem unterklassigen Gegner 5,6,7 Dinger reintun. Aber einen Klassenunterschied in irgendeinem Punkt zu sehen ist wohl nicht zu viel verlangt. Gab es den? Leidlich. Glück, vielleicht Abgezocktheit, eher aber Lukas Hradecky. Bezeichnend.

Hauptsache weiter? Klar. Man kann sich jetzt natürlich auch herrlich ergötzen an Leipzig und Bremen. Ha ha. Macht das eigene Auftreten gleich besser, was?! Ein Spiel ist dann aber eben doch mehr als das Ergebnis, jedenfalls gibt es sportliche, spielerische Fingerzeige. Und was da in ersten Pflichtspiel zu sehen gewesen ist, lässt einen schaudern. Uninspiriert, ideenlos, hilflos, lahm – im Grunde die Fortsetzung des Trends der vergangenen zwei Jahre

Diese Mannschaft, und das erschüttert selbst mich Skeptiker, ist – stand jetzt – wesentlich schlechter als prognostiziert. Überraschungs-Team? Ja, aber in welche Richtung.

Immerhin ist auf das unterirdische Niveau der Frankfurt-Fans Verlass. Die passen sich auch dem letzten Assikick mit ihrem Assoverhalten an. Nazi-Provokation, jaja, und vorsorglich hatte man schonmal alle Utensilien daheim. Schimpansen.

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Lesestoff für die Auswärtsfahrt

Ignoriert man den ersten Teil, steckt in diesen Protokollen viel drin. Vor allem zum a) Stadion(vertrag) und b) der causa Thomas Schaaf – das klingt dann mit dem Respektsabstand von einem vermiedenen Abstieg eben doch weitaus näher an den Tendenzen, die die genüsslich gescholtene „Lügenpresse“ seinerzeit schon erwähnte.
Auch die Aussagen rund um die Abmeldung der U23 – so wie eine etwaige Wiedereinführung in der Zukunft – lassen tief hinein blicken in die Denkweise der Funktionäre. Denn es ist eben so, dass sich die SGE am jeweiligen Trainer und dessen Neigungen orientiert, ihr die Kompetenz fehlt, den Kurs vorzugeben, an den sich der jeweilige Trainer zu halten hat. Kuzum: Weitblick? Fehlanzeige. Aber lest selbst. Ist ja noch Zeit bis die Züge gen Sachsen-Anhalt rollen, bis der Anpfiff zum Pokalspiels in Magdeburg ertönt (3:1 für die Unserigen?).

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Die Beschaffenheit des Tigers

Jetzt, da also für Stefan Aigner doch kein Ersatz – schon gar nicht dieses ominöse Superduper-Talent – verpflichtet wird, meine Frage an die Regelkundler: Eintracht Frankfurt hat momentan nur noch elf Spieler im Kader, die laut Reglement als deutsch gelten – inklusive dem deutschstämmigen US-Nationalspieler Timothy Chandler, dessen Verbleib bekanntlich ebenso unsicher ist wie der von Yani Regäsel. Ergo fehlt wenige Tage vor dem Pflichtspielauftakt zur Erfüllung des Regelwerks, wonach es zwölf deutsche Spieler in den Reihen eines jeden Bundesligisten geben muss, schon jetzt einer mit deutschem Personalausweis. Gingen Chandler oder Regäsel, wären es zwei Vakanzen. Offene Stellen, die nach Maßgabe des aktuellen Transfergebarens der SGE ja nur durch Füll“material“, durch A-Jugendspieler – für 3000 Euro pro Monat – zu besetzen wären (Noel Knothe und Furkan Zorba, die schon im Trainingslager dabei waren, oder Nils Stendera), es aber noch nicht sind.

Meine Frage an die Experten unter euch (oder als Themenanregung für die mitlesenden Redakteure in und um Frankfurt): Was ist bei diesem Regelverstoß die Konsequenz seitens des Verbands, (wann) droht Eintracht Frankfurt eine Strafe und welche wäre das? Aus wieviel Papier besteht dieser Tiger? Und: Gab es schonmal einen so hohen Anteil von Ausländern im Kader eines Bundesligisten?Denn: Kein Klub hat derart viele Legionäre in seinem Kader wie Eintracht Frankfurt 2016, sie machen 65,5 Prozent Anteil im Kader aus. Zum Vergleich: Bei den meisten Konkurrenten sind es rund 50 Prozent, hinter der SGE rangieren Mainz (58 Prozent), Bremen (56 Prozent) und Augsburg (55 Prozent) auf den Plätzen. Darmstadt liegt indes bei bei 37, „Leipzig“ bei 42, Hamburg bei 44 und Freiburg bei 46 Prozent.

Solange die gerade gestellten Fragen unbeantwortet sind, heißt es warten auf den Ausgang des drohenden Pokalgewürges in Madgeburg – und darauf, welcher ahnungslose Klub A) entweder für Luc Castaignos oder Haris Seferovic eine Millionensumme bietet und B) welcher Rechtsverteidiger am schnellsten seine Chancenlosigkeit gegenüber des Leih-Urus erkennt, um weiterzuziehen. Bis zum 31. August, liebe Leute, wird die Wundertüten- und Leihorgel jedenfalls munter weitergespielt.

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Nebenkriegs-Nachtrag zu einer aktuellen Äußerung aus Eintrachtkreisen: „Robert Lewandowski hat in seinem ersten Jahr in Dortmund fast gar nicht gespielt. In Frankfurt wäre er nach drei, vier Monaten wahrscheinlich schon wieder verkauft worden.“ (Bruno Hübner zur „Frankfurter Rundschau“). Das ist schlicht verkehrt: Lewandowski hat (in 33 von 34 möglichen Ligaspielen) 1500 Minuten gespielt (3060 Minuten sind das Maximum) und vor allem acht Tore und drei Vorlagen produziert / seitdem liegt er zwischen 2200 und 2600 Minuten pro Saison. Von „fast gar nicht“ kann jedenfalls in seiner ersten Bundesliga-Saison nicht gesprochen werden – und angesichts der Leistungen, der Produktivität, wäre er sicher nirgendwo verkauft worden. Wobei, doch, in Frankfurt wäre es das tatsächlich: mit einer Ausstiegsklausel von 150 000 Euro, von denen 100 000 Euro an eine Beratungsfirma, die die Rechte an ihm hält, gehen …

 

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Ein Name, zwei Güteklassen

Während der gute Hector, der Jonas, beim 1. FC Köln – einem offenbar Eintracht Frankfurt sportlich, attraktionstechnisch und finanziell völlig enteilten Verein – den Vertrag verlängert, sichert sich die SGE den karibischen Hector, den Michael aus den Untiefen der zweiten englischen Fußballliga.

Die Frage, die sich nach der anstehenden Vorübergehend-Verpflichtung dieses Hectors für mich stellt, ist eine simple: Ist das Niveau eines Jamaikaners, der in den vergangenen drei Jahren mit seinem Klub (FC Reading) einmal achtletzter (17. von 24) und zweimal sechstletzter (19. von 24) in der
2. englischen Liga geworden ist, höher als das eines x-beliebigen Innenverteidigers aus einer der deutschen Profiligen? Versuch einer Annährung an die Qualität der nächsten Wundertüte:

Hectors Leistungsdaten, die auf dieser Homepage gelistet sind, lesen sich ziemlich vernichtend: Als Stammspieler (in der vergangenen Saison 30 von 46 möglichen Liga-Einsätzen; ein Tor, vor allem aber eine Passquote von 70 Prozent und 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe <— als Innenverteidiger!).

Einordnung zur Zweikampfstärke (in der zweiten englischen Liga) im Vergleich zu Erstliga-Innenverteidigern in Deutschland: Etwas schwächer als David Abraham und Marco Russ, von allen Bundesliga-Innenverteidigern haben 2015/2016 weisen einen ähnlichen, einen gleich schwachen Wert nur Daniel Schwaab und Christian Schulz auf. Selbst der – auch von mir – als Schreckensszenario gebrandmarkte Ex-Stuttgarter Georg Niedermeier liegt bei 60 Prozent.

Einordnung zur Passquote (in der zweiten englischen Liga) im Vergleich zu Erstliga-Innenverteidigern in Deutschland: Auf Niveau von Assani Lukimya (Werder Bremen), der in dieser Kategorie einer der schlechtesten auf der Position in der gesamten Bundesliga ist. Llediglich die Zentraldefensiven der Aufsteiger Darmstadt und Ingolstadt weisen 2015/2016 noch schwächere Werte – zwischen 66 und 56 Prozent – auf. Die besten Innenverteidiger kommen hier auf Werte in den hohen 80er-Prozentzahlen (Christensen, Boateng, Maroh bspw.).

Um es nochmal zu betonen: Die schwachen Werte der oben genannten Erstliga-Vergleichsspieler sind Leistungsdaten, die auf einem wesentlich höheren Niveau zustande gekommen sind als in Englands Championship. Geht man zum Vergleichen runter in Bundesliga Zwei, stößt man auf Namen wie Stephan Salger (Bielefeld), Tim Sebastian (Paderborn) und Mensur Mudzja (Freiburg), wenn man die Zweikampfquote von 54 Prozent anpeilt. Bei einer Passquote von 70 Prozent konkurriert Hector mit Leuten wie Florian Ballas (FSV Frankfurt) und Gary Kagelmacher (Ex-1860).

In Jamaikas Nationalmannschaft, für die Hector 17 Mal auflief, agiert er seit diesem Jahr übrigens im zentralen defensiven Mittelfeld, nicht in der Innenverteidigung. Witzige Randnotiz: Hectors Klub, der FC Reading ist auch die Heimat von Lucas Piazon (remember the other Chelsea-Talent?!). Liest sich also alles eher nach Jonas statt Mats Hummels, Tobias statt Bastian Schweinsteiger, Malte statt Christoph Metzelder.

Dass Hector, der mit dem FC Chelsea London sportlich nichts, aber auch gar nichts zutun hat und – wie Dutzende seiner Kategorie aus den B- und C-Teams der Großkopferten – nur Abschreibe- und Abschiebeware, ein bebeintes Handelsgut ist, nach Ansicht der Verantwortlichen bei Eintracht Frankfurt als jemand gilt, der dem Team sportlich helfen kann, lässt tief blicken.
Die SGE ist nämlich ganz offensichtlich pleite – und/oder weder willens noch in der Lage, Geld aus eigen oder fremden Quellen zu investieren. Man verschreibt sich in den höchsten Gremien auch in Zeiten des folgenlosens Verprassens der ehrlichen Kaufmannsschaft – der vorgeblich ehrlichen, muss man ja sagen. So oder so wird nun zur Bückware gegriffen; eine Bückware, die dank Manchester, Madrid und Chelsea diesmal schillerndere Etiketten trägt als Wolfsburg, Leverkusen oder Freiburg.

Und auch im Umfeld beschäftigt man sich tatsächlich mehr mit Betriebswirtschaft, Buchhaltung, Finanzwesen statt mit Sport. Man wiederholt in Foren das Mantra, das größte Märchen der Vereinsgeschichte seit dem Geldkoffer durch die HeLaBa: Ma muss halt spare, ma hat halt kei Geld, es gibt kei Kicker die ma hole kann – Moses, Tafeln, Stein.

Meine Prognose nach dem Irgendwie-Klassenerhalt im Mai war es ja, dass Eintracht Frankfurt nicht wieder (so schnell) im unmittelbaren Abstiegskampf stecken wird. Bei dem Personal, das (für Erdnüsse) abgegeben und stattdessen verpflichtet worden ist, wird diese Prognose wohl der Wunsch eines Narren bleiben. Zum Glück gibt es ein Aber: Die Bundesliga ist, da wiederhole ich mich, in der bevorstehenden Saison nochmal schwächer als in der vergangenen Spielzeit. Und da ist sie dann auch wieder, die einträchtliche Definition von Erfolg: Hauptsache drei Teams sind noch schlechter als man selbst.

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Diesmal: Karibik

Das internationale Wundertüten-Packen geht (laut Bild/HR) munter weiter: Michael Hector. Innenverteidiger aus Jamaika. Chelsea London, Leihe.

Echt jetzt.

Hat der Hamburger SV mit dieser England-Leiherei, dieses Borgen aus den dritten Reihen Erfahrungen gemacht? Oder die SGE selbst, remember Lucas Piazon und Mohammed Abu?!

Das ist vielleicht eine „Mannschaft“, vielmehr ein Gebilde … Als ich vor wenigen Wochen die Internationalisierungs-Debatte begann, hätte ich nicht gedacht, dass es knallhart so weitergeht, dass Eintracht Frankfurt offenbar nicht mal halbwegs willens ist irgendeinen Spieler zu verpflichten, der sein Können (in der Bundesliga) nachgewiesen hat.

Deutsche Spieler, das hat sich ja jetzt sowieso erledigt. Einen werden sie noch verpflichten, die restlichen fürs Quorum Nötigen bekommen ihre 3000-Euro-Verträge und zieren den Kader.

Jetzt erstmal Vigo putzen. Die haben sicher auch noch jemanden für uns

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Kleingemacht

Natürlich weiß unser einer nichts. Niemand hat eine Ahnung davon, als Sportdirektor, Vorstandsvorsitzender oder Trainer auf dem Transfermarkt zu agieren, die wenigsten von uns werden im echten Leben je echte Verhandlungen zu was-auch-immer geführt haben. Von daher ist es selbstverständlich ebenso hemdsärmelig wie wohlfeil, wenn man, wie ich Eintracht Frankfurt aus der Ferne für den Stillstand und/oder den umfassenden Wundertüten-Zukauf kritisiert.

Dennoch: Dass weiterhin kein Innenverteidiger verpflichtet worden ist, deutet nicht etwa auf wahlweise „schwierige“ oder „überhitzte“ Märkte, sondern auf mangelnde Vorbereitung/Strategie Eintracht Frankfurts hin. Dass nämlich ein sehr guter Spieler wie Carlos Zambrano jederzeit (zu Spottpreis) abgegeben werden könnte, wusste niemand besser als die den Vertrag aushandelnde Funktionärsriege der SGE. Doch einen Plan B oder Plan C, etwa eine Liste von vier, fünf Alternativspielern, die sportlich wie finanziell prompt ins Nachfolge-Schema passen, mit denen man durchgängig in Kontakt steht, die man zügig verpflichten könnte, gab es offenbar nicht. Stattdessen wird immer erst dann gehandelt bzw. überhaupt erst Personelles überlegt, wenn ein Abgang beschlossen, eine Qualitäts-Lücke gerissen ist. Die Verramschung von Stefan Aigner ist ähnich gelagert, von seinem Heimweh dürfte der Klub jedenfalls wochenlang gewusst haben. Das erste Gerücht, dass 1860 München ihn verpflichten will und er auch nicht abgeneigt schien, ist ja um einige Zeit älter als der Vollzug. Was wurde in der Zeit zwischen Angebot und Vollzug unternommen, um Ersatz zu verpflichten? Vermutlich nichts, außer sich einzureden dass es ein Danny Blum vom biederen Fast-Erstligisten FC Nürnberg schon richten wird. Und so zieht sich dieses Muster durch das Klub-Gebaren: siehe auch Trainernachfolge von Armin Veh.

Was mir bei all dem einfach nicht in den Kopf will: Wie unsexy muss Eintracht Frankfurt in den vergangenen Jahren geworden sein, dass so gar kein Qualitäts- oder Nachwuchs-Spieler mehr für ein Engagement im Waldstadion zu brennen scheint? Dass die SGE ein sportliches Schmuddelkind ist, mit bzw. bei dem kaum jemand spielen will, das jedenfalls suggerieren meiner Meinung nach die Aussagen Bruno Hübners, Fredi Bobics etc. wenn sie von diesen schwierigen Märkten sprechen. Ich meine, trotz aller Schwächen oder Tristesse zählt Eintracht Frankfurt (noch) zu den 18 besten, höherklassigsten Fußballklubs Deutschlands. Zählt man weichere Faktoren wie Lebensqualität in der Region, Markenstärke des Klubs, Fanaufkommen der Mannschaft hinzu, rangiert Frankfurt unter den Top-Zehn.
Wieso also sind die Märkte so schwierig? Doch offensichtlich vor allem deshalb, weil man sich in Frankfurt eigenverantwortlich kleinmacht; über die einzig relevante, die finanzielle Schiene. Man will – sich als nackter Mann ohne Taschen gebärdend – Erdnüsse bezahlen, wo es doch weltweit usus geworden ist, Cashew-Nüsse zu verlangen und zu bezahlen. Dass dieses Paradigma der (Gegend-)Finanzierbarkeit verkehrt ist, sich zumindest überlebt hat, dass die seinerzeit einzig vernünftige und ideell nach wie vor richtige Sparsamkeits-Strategie á la Heribert Bruchhagen von der folgenlosen Verprassungs-Realität überholt worden ist, betonte ich hier im Blog mehrfach. Man bekommt nunmal nur in seltenen Fällen gute Leute, Spieler, die einen weiterbringen, die Erfolge bringen die über Geradeso-Klassenerhalte hinaus gehen, für einen Äppler und ein Ei.

Die ganzen Verschleppungen und Umwälzungen im Kader wären ja nicht so wild, wenn die Eingespieltheit – gerade für all jene, die eher im unteren Drittel der Tabelle hängen, die nicht viel individuelle Klasse, die ein geringes Maß an Einzelqualitäten haben – nicht so ein großer Faktor im Fußball wäre. Sich kennen, möglichst lange miteinander kombinieren, gemeinsam den immerselben Drill, die Automatismen durchgemacht bzw. gelernt zu haben: Das ist ebenso entscheidend für den Saisonverlauf/den sportlichen Erfolg (mindestens von Mittelklasseteams) wie es vorab beeinflußbar ist. Trainert man sechs Tage oder sechs Wochen in der Besetzung, die man als die beste ersinnt? Das macht einen gewaltigen Unterschied, eben weil es nicht so leicht ist, Neuzugänge (auch in der Defensive) zu integrieren, wie Trainer Niko Kovac kürzlich sagte. In Frankfurt sprechen sie ja immerhin von der längsten Pause seit zig Jahren, letztlich der längsten Saisonvorbereitung seit zig Jahren – und wozu wurde sie genutzt? Jedenfalls nicht, um in dieser Zeit ein Team, die stärksten elf Akteure bestmöglich einzuspielen. Außer Alexander Meier kann diese, wie auch die SGE-Mannschaften aus der Vergangenheit kein Spieler retten – hier gibt es keine Reus und Schürrles, keine Riberys und Lewandowskis, nicht mal Raffaels und Herrmanns.

Bis zum 31. August wird sich der SGE-Kader natürlich weiter verändern, noch mehr gerupft werden. Nur wäre es ja töricht, dann einen weiteren Spieler aus der „Ersten-16“ abzugeben. Also kann der Transferschluss kein Hemmniss sein, voll auf die Spieler zu setzen, die man als den Kern erachtet. Und wenn es nicht zum Kern zählt, eine feste Viererkette – den neuralgischsten Teil einer Mannschaft – zu finden und zu formen, gerade mit den Anforderungen des immer schneller werdenden Profifußballs, dann habe ich von Fußball noch weniger Ahnung als mir unterstellt wird.

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