Die falsche Idee

Für Trennschärfe zu sorgen, ist der Vorsatz für heute. Nach abermaliger Lektüre der letzten Beiträge fiel mir auf, dass man als Leser dort etwas missverstehen, zu leicht fehlinterpretieren kann. Und zwar die Meinung zu Trainer Thomas Schaaf.

Schaaf ist in meinen Augen keinesfalls ein neuer Michael Skibbe. Die Tatsache, dass das momentane Eintrachtspiel und die Stimmung rund um das Team so viele Ähnlichkeiten zu jener bleiernen Zeit aufweisen, hat andere Ursachen. Während das Trainerimitat seinerzeit genau das machte – Training imitieren – und der Niedergang nach kurzem Strohfeuer sehr schnell kam, arbeitet Schaaf allen Überlieferungen zufolge wie ein Berserker auf und neben dem Trainingsplatz. Nix mit Käffchen an der Hauptwache oder Feiern in hohen Geschossen von Hochhäusern.

Jedoch: Schaaf kann offenbar arbeiten und erklären, trainieren lassen wie er will, entweder kapieren es die Spieler nicht, haben nicht die Qualität für eine Spielidee wie der Trainer sie artikuliert – oder Schaaf geht von falschen Vorstellungen, von falschen Ansprüchen aus. Der Kader, die Spieler, das kann man nach fast einem Dutzend Pflichtspielen wohl resümieren, taugt nicht für das Erdachte. Takashi Inui ist weder Johann Micoud noch Diego, Haris Seferovic ist kein Claudio Pizarro und Slobodan Medojevic kein Thorsten Frings. Da liegen qualitativ Welten zwischen den Spielern, mit denen Schaaf erfolgreich sein „vorne hui, hinten pfui“-Konzept umsetzte. Das Einzige, das in Frankfurt so aussieht wie beim SV Werder Bremen, ist die Defensive, bzw. das was von ihr übrig ist.

Was also tun? Da das Verletzungspech ist wie es ist, aber es auch mit allen Mann an Bord nicht besser aussah als ohne sie (Zambrano ausgenommen), müssen wir deutlich mehr über das große Ganze sprechen, das ändern, nicht die vielen Kleinigkeiten. Die Misere wird sich nicht dadurch lösen, dass man Bastian Oczipka von seinem Joch befreit und Timothy Chandler als Linksverteidiger aufbietet, die Abwärtsspirale erledigt sich nicht durch Aleksandar Ignovskis Herausnahme bzw. Stellen ins defensive Mittelfeld. Auch Marc Stendera und Stefan Aigner anstelle von Takashi Inui und Lucas Piason sorgen nicht für eine Stabilisierung der Defensive bei gleichzeitiger Belebung der Offensive. Systemisch gilt ähnliches: Raute, 4-2-3-1, 4-1-4-1 oder was auch immer, ist sekundär, tertiär. Es liegt nämlich derat viel im Argen, dass nur eine Rundum-Umstellung etwas bewirken könnte. Das bedeutet, alle oben genannten Wechsel vorzunehmen und vor allem ab sofort ein (!) System zu wählen und das mit den Spielern durchzuziehen, die man vorsieht. Verletzungen kann es immer mal geben, aber das Korsett von 9, 10 Spielern muss stehen. Das Ganze garniert mit einer Spielphilosophie die der Stärke des Kaders entspricht, nicht einer Marschroute, die sich der Trainer ausgedacht hat und auf das Team, das dafür offenbar nicht gemacht, nicht zusammengestellt worden ist, überträgt.

Die These, dass Schaaf nicht die Spieler im Kader hat, die er für seine Idee braucht (Disclaimer: Ein Verein hat den Trainer zu holen, der zum Kader, zur eigenen Vorstellung passt, nicht vice versa), lässt sich recht simpel untermauern: Armin Veh, Schaafs Vorgänger, gilt – das belegen alle seine Trainerstationen und das 5:4 zuletzt gegen die SGE – als Verfechter des Offensivspiels über die Außenbahnen. Das sah man zu seiner Frankfurter Zeit nirgendwo besser als im ersten Bundesligajahr, wo das Angriffsspiel zu 80, 90 Prozent über Stefan Aigner und Takashi Inui lief – abgeschlossen oft genug mit der Hereingabe auf den langen Pfosten, wo einer der beiden sich als Außenstürmer betätigte und das Tor schoss. Die Außenverteidiger schoben ebenfalls stärker vor, gerade Sebastian Jung (VW hab ihn selig) stieß häufig in den gegnerischen Strafraum oder an dessen Grenze zum Flanken schlagen.

Und heute, unter Schaaf? Man weiß noch nicht mal, wo der Schwerpunkt des Offensivspiels liegt. Man weiß nur, dass Alex Meier – der sich stets die Bälle als eine Art Hängende Spitze auch mal Mittelkreis holte und Angriffe einleitete – den Ball nicht mehr schleppen, sich die Kugel nicht mehr für den Spiel(mit)aufbau holen darf. Die Anti-Ballbesitz-Strategie gilt auch für andere, für die Mittelfeldspieler zumal. Querpässe sind ebenso tabu, lange Schläge – nicht mal zwingend diagonal – hingegen ein erlaubtes Mittel. Aber ob jetzt die Zentrale oder die Außen Schwerpunkt der Offensiveröffnung sein sollen, ob gekontert, auf Standards gesetzt werden soll, oder ob es Pressing oder tief stehen sein soll – alles ist unklar. Das Spiel der Eintracht wirkt wie ein Mischmasch aus allem und nichts, als ob jeder Spieler seine individuelle Stärke einzubringen versucht, ausleben soll und man schaut, wohin das auf dem Feld als Team führt.

Angezündet worden ist der Frankfurter Baum bereits, noch weit vor dem 1. Advent. Gibt es nun am Samstag gegen Hannover 96 wieder keinen Sieg, wieder keine spielerische Steigerung, brennt jener Baum, irgendwann im November steht er dann in Flammen. Und irgendwann wird sich diese gefühlte Mixtur aus Gleichgültigkeit und Galgenhumor entladen, in Anfeindungen und Wut wandeln. So eine Entwicklung, so eine (absehbare) Gefahr, hätten wir lange nicht mehr durchzumachen – hoffte ich. Und dann kam diese elende Vorbereitung, diese Saison, dieses Pech und dieses Unvermögen. Spaß macht das nicht, nicht mal im Maßstab eines leiderprobten Eintracht-Fans.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Die falsche Idee

  1. Jermaine Jones Junior

    Wenn Thomas Schaaf bis zur Winterpause keinen Sieg mehr holt, wird es an der Zeit ihn zu feuern. Was für ein beschissenes Spiel heute. Wie kann man seine eigene Mannschaft nur so unnötig verunsichern? Selbst Joselu wird sich heute gedacht haben, was mit seiner Mannschaft los ist. Der arme Madlung, solides Spiel geliefert und dann noch so ein Pech. Das Mittelfeld war heute total unsichtbar. Kein Wunder, dass Meier heute keinen Torschuss abgegeben hat. Mein Gott Thomas Schaaf! Wie kannst du nur so einen beschissenen Fußball seit Monaten (!) spielen lassen, der nicht zur Mannschaft passt. Seine Körpersprache gefällt mir auch nicht. Er schaut immer so, als ob die Mannschaft längst abgestiegen ist. Schaaf, geh doch zurück nach Bremen und nimm deine Frau Astrid mit! Auf die Idee ihn als Trainer zu holen, kann nur HB gekommen sein. Wer sonst steht auf destruktiven erfolglosen Fußball?

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